Mönchengladbach

Kolumne: Politik ist kein schmutziges Geschäft

Die zunehmende Verrohung in den digitalen Kommunikationsforen hat auch Auswirkungen auf das politische Klima.

Bernd-M. Wehner
Bernd-M. Wehner ist ehemaliger Bundesvorsitzender des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung. Foto: KKV

Wir brauchen keine Wutbürger, sondern Mutbürger. Vor allem brauchen wir Menschen, die sich für die Gesellschaft einsetzen. Denn die Probleme in unserem Land werden nicht dadurch gelöst, wenn man auf „die da oben“ schimpft, sondern indem man sich selbst engagiert. Schließlich ist Politik kein „schmutziges Geschäft“, sondern nur so gut oder so schlecht wie die in ihr handelnden Personen. Und auch Politiker sind letztlich nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wenn man beispielsweise die zunehmende Verrohung in den digitalen Kommunikationsforen verfolgt, braucht man sich nicht zu wundern, dass dies auch Auswirkungen auf das politische Klima hat.

Abschaffung anonymer Veröffentlichungen

Von daher ist es erschreckend, dass offenbar immer mehr Bürger jegliches Maß an Anstand verloren haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Gewaltbereitschaft gegen Polizei und Hilfsdienste immer größer wird? Wie soll eine Gemeinschaft auf Dauer bestehen, wenn nicht mehr grundlegende Regeln und Werte anerkannt werden? Schon die verbalen Entgleisungen in den „Sozialen Medien“ zeigen, dass hier offenbar viele meinen, sie befänden sich in einem rechtsfreien Raum, in dem alles erlaubt sei. Offenbar vergessen viele Nutzer dieser Netzwerke hier ihre gute Kinderstube.

Allein schon deshalb sollten Beiträge in Diskussionsforen nicht mehr anonym veröffentlicht werden dürfen. Die Anbieter solcher Plattformen müssten dafür sorgen, dass – ähnlich wie bei Leserbriefen – zumindest bei ihnen die Mailanschrift hinterlegt wird, so dass man im Einzelfall auch gegen einen „Hasstiradenschreiber“ rechtliche Schritte einleiten kann.

Im Übrigen plädiere ich dafür, künftig die Bezeichnung „soziale Medien“ durch einen neutraleren Begriff zu ersetzen. Warum nennt man sie nicht einfach „digitale Netzwerke“? Dann würden diese Plattformen nicht auch noch den positiven Eindruck erwecken, dass es sich um „soziale“, das heißt um gemeinnützige oder gar wohltätige Einrichtungen handelt. Die Leserbriefseite einer Zeitung wird ja auch nicht als „soziales Forum“ bezeichnet.

Satire hat auch Grenzen

Von daher kann man nur hoffen, dass die sogenannte Oma-Satire im WDR dazu führt, dass man wieder ernsthaft über die Grenzen von Satire nachdenkt. Wenn der WDR das Lied eines Kinderchores ausstrahlt, bei dem auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ unter anderem „Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau“ gesungen wurde, dann überschreitet das eindeutig die Grenzen des guten Geschmacks. Ganz kurios wurde es aber, wenn dem WDR-Intendanten Tom Buhrow, der für das Lied zu Recht um Entschuldigung gebeten hatte, dann auch noch vorgeworfen wurde, er spiele rechten Aktivisten in die Hände, die die Empörungswelle im Internet großenteils künstlich erzeugt hätten.

Im Vorwort seines Buches „Jesus von Nazareth“ schrieb der emeritierte Papst Benedikt XVI.: „Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss der Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.“ Mit dieser Bitte weist Benedikt indirekt auf ein gesellschaftliches Phänomen hin, das wir alle kennen: Die Bereitschaft, auf andere zuzugehen und ihnen vorurteilsfrei zu begegnen. Und das sollten wir alle beherzigen.

  • Bernd-M. Wehner ist ehemaliger Bundesvorsitzender des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung.
Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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