Kolumne: Neue Kultur des Maßes

Von Axel Bernd Kunze

Der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Peter Altmaier, beharrt in der Debatte um Obergrenzen darauf, dass sich Humanität nicht „kontingentieren“ lasse. Kardinal Marx vergleicht Transitzonen an deutschen Grenzen mit Konzentrationslagern und verteufelt Überlegungen, den Familiennachzug zu steuern, gleich als „zutiefst unmenschlich“. Kollegen der Karlsruher Hochschule für Gestaltung wollen einen Professor, der sich in der AfD engagiert, mit Publikationsverbot belegen. Universitätsgremien fordern Zivilklauseln, die militärische Forschung unter Generalverdacht stellen, so als sei Landesverteidigung von vornherein unmoralisch. Inklusion sei immer gut, gehe es doch um eine inklusive Gesellschaft, die „keine marginalisierten Gruppen, keine Diskriminierungen“ mehr kennt, so der Hamburger Pädagoge Hans Wocken. Der SPD-Vorsitzende in Hannover-Mitte bezeichnet folgerichtig Gymnasien als „asozial und unmenschlich“.

„Die Gesinnungsethik feiert fröhliche Urständ, ob in Parteien, Kirchen oder bei anderen gesellschaftlichen Akteuren“

Die Gesinnungsethik feiert fröhliche Urständ, ob in Parteien, Kirchen oder bei anderen gesellschaftlichen Akteuren. Der klassischen Ethik war bewusst, dass Normen nicht unabhängig vom Kontext zu beurteilen und auch Folgen und Nebenwirkungen stets zu bedenken sind. Gesinnungsethik hingegen kommt ohne sorgfältige Sachanalyse aus. Für Differenzierung und Abwägung bleibt dabei wenig Raum. Wer in der Flüchtlingsdebatte auf die begrenzte Leistungsfähigkeit des Staates, den Ordre public, Souveränität, die Notwendigkeit stabiler Grenzen oder rechtsstaatlicher Normen hinweist, bekommt schnell die Moralkeule zu spüren. Moralischer Rigorismus scheint wichtiger zu sein als die hart erkämpfte Meinungs- oder Wissenschaftsfreiheit. Und übergeordnete Ansprüche wie Leistung, Verantwortung oder Nützlichkeit müssen der pädagogischen Wunschwelt weichen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der Stand an Kultur und Technik immer wieder hart erarbeitet werden muss.

Der ethischen Debatte ist vielfach das rechte Maß abhanden gekommen. Es scheint, als könne sich die spätmoderne Gesellschaft nicht mehr darüber verständigen, was dieses sei. Und gerade dies führt zu einem Paradox: Die plurale Gesellschaft, die sich gern für liberal hält, versucht durch ein Übermaß an Steuerung, das exakte Maß herzustellen. Wer sich der herrschenden Willkommenskultur nicht beugen will, wird aus dem Diskurs ausgeschlossen. Wer eine andere Meinung formuliert, sollte besser nicht gedruckt werden. Und wer den eigenen pädagogischen Idealen widerspricht, wird als intolerant gebrandmarkt. Statt eines formalen Rahmens, der vom Einzelnen zu füllen ist, werden immer gewichtigere, positiv gefüllte Vorgaben gesetzt.

Das Diskursklima wird so keinesfalls liberaler, im Gegenteil: Immer heftiger werden ethische Ideale gegen die Realität verteidigt, die sich dann doch als standhafter und tragfähiger erweist, als man sich selbst eingestehen will. Werte werden heute subtiler gesetzt, als dies früher der Fall war, über soziale Verhaltenserwartungen und Normvorstellungen, die ins Übermaß gesteigert werden. Im Hintergrund steht eine überschießende Interpretation der Menschenrechte. Diese werden zulasten ihres juridischen Charakters zum Instrument radikaler Gesellschaftsreform.

Übermäßige Gerechtigkeitsansprüche gefährden die individuelle Freiheit, die letztlich durch Gleichheit absorbiert würde. Der Staat droht zum bevormundenden, chronisch überforderten Versorgungsstaat zu degenerieren. Freiheit für jedermann zu sichern fordert nicht tatsächliche Gleichheit, sondern den rechtfertigenden Grund für Ähnlichkeit und Verschiedenheit. Eine neue Kultur des Maßes wäre dringend geboten. Weiß doch die skeptische Tradition, dass Freiheit auf Dauer nur in maßvollen Systemen erhalten bleibt.

Der Autor, promovierter Sozialethiker und habilitierter Pädagoge, ist als

stellvertretender Schulleiter tätig.