Würzburg

Kolumne: Maria 8.0

Mariä Himmelfahrt und die katholische Soziallehre.

Peter Schallenberg
Peter Schallenberg ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

Auf den ersten Blick scheint das Fest Mariä Himmelfahrt recht wenig mit der katholischen Soziallehre zu tun zu haben. Und doch: Das fundamentale Prinzip der Soziallehre, nämlich die Personalität, wird genau mit diesem wichtigsten aller Marienfeste entfaltet und zugleich begründet. Nämlich: Der achte Tag ist nach den sieben Tagen der Schöpfung der wichtigste und vollkommenste Tag, wie der hl. Augustinus sagt: Der Tag der Auferstehung und der Ewigkeit Gottes, der Tag der Taufe (daher die achteckigen Baptisterien) und unserer Vollendung. Maria hat ihn erreicht: Maria 8.0!

Die Christenheit - zum Nachdenken gebracht

Am Anfang standen ja die Aussagen Jesu selbst über seine Mutter, vor allem dann vom Kreuz herab der wunderbare Satz mit Blick auf den Lieblingsjünger Johannes: „Siehe Dein Sohn!“ und der nicht minder herrliche Satz zu Johannes: „Siehe Deine Mutter!“ Von da an hört die Christenheit nicht mehr auf darüber nachzudenken, warum der Heiland von einem Menschen geboren und aufgezogen werden wollte. Und allmählich, vor allem während der ersten Konzilien in den ersten fünf Jahrhunderten des Christentums, schält sich die entschiedene und präzise Antwort hieraus: Gott wollte Fleisch werden durch den sündenfreien Menschen Maria, um ihr Leben an sich zu ziehen, zu heiligen, ja: um jedes menschliche Leben und damit das Leben eines jeden von uns zu heiligen. Wenn die Kirche endgültig mit der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch Papst Pius XII. im Jahre 1950 die vollkommen sündenfreie Heiligkeit der Gottesmutter bekennt und ihre ewige Gegenwart in der Liebe Gottes, dann sagt sie das zugleich von uns, die wir durch Sünde und Irrtum und Schuld hindurch heilig werden können – und sollen! Sollen setzt nach alter moraltheologischer Lehre immer Können voraus. Wir können trotz der alten Anhänglichkeit an die Sünde und an die Lieblosigkeit, die auch nach der Abwaschung von der Erbsünde in der Taufe noch verbleibt, heilig werden. Werden, wie Gott uns gemeint hat! Das stellt uns Maria vor Augen: Ein Mensch, ja der Mensch schlechthin, wie Gott ihn gemeint hat.

Der Mensch kann Gott erreichen

Und das stellen uns durch das ganze Jahr hindurch die Heiligen eindrucksvoll vor Augen, zum Beispiel am Tag vor Mariä Himmelfahrt der hl. Maximilian Kolbe, jeder anders und doch jeder gleich gültig: Der Mensch kann Gott erreichen durch seine oft mühselige Lebensgeschichte hindurch, wenn er als Person lebt, als jemand, der seine inneren von Gott geschenkten Tugenden zum Ausdruck bringt, als jemand, der nicht bloß möglichst lange überleben will, sondern der ein gutes und heiliges Leben will. Ein wirklich soziales und hingebendes Leben aus Liebe zu Christus. Christliche Soziallehre ist niemals einfach nur hastig getaufte Klimapolitik. Christliche und katholische Soziallehre ist letztlich immer Streben nach Heiligkeit und Vollkommenheit, freilich klein anfangend mit Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit. Und allmählich weitet sich dann der Blick und der Horizont, hin zum Himmel und seiner größeren Gerechtigkeit, die sich Barmherzigkeit nennt. Auch Maria hat einmal klein angefangen, mit dem kleinen Heiland auf dem Schoß. Bis unter das Kreuz und bis hin zum 15. August zur Himmelfahrt war es ein weiter und beschwerlicher Weg. Aber er hat sich gelohnt: für Maria und für jeden von uns. Denn jetzt wissen wir endgültig: Der Himmel ist möglich – und wirklich!