Kolumne: Krise? Welche Krise?

Von Professor Günter Wilhelms

Professor Günter Wilhelms. Foto: priv.
Professor Günter Wilhelms. Foto: priv.

„Crisis? What Crisis?“ – so könnte man sich mit dem Titel eines Albums der britischen Rockband Supertramp von 1975 nach einigen Jahren des Diskurses über die Finanzmarkt- und Schuldenkrise fragen. Nicht nur dass wir gegenwärtig eine regelrechte Konjunktur im Umgang mit dem Krisenbegriff erleben; ihm geht zudem jede begriffliche Klarheit oder Anschaulichkeit verloren.

Aber was ist das für eine Reaktion auf einen als problematisch erkannten Zustand eines bestimmten Systems, wenn der Krisenruf populär und diffus daherkommt? Wird ein solcher Begriff nicht kontraproduktiv und sinnlos?

Oder hat der Ausruf einer Krise nicht doch eine zentrale Bedeutung? Will er nicht darauf aufmerksam machen, dass ein System ein Problem hat, ein Problem, das die Existenz kosten könnte? Ist er nicht so etwas wie ein lebenswichtiger Alarmmechanismus der Gesellschaft? Schließlich meint der Begriff ursprünglich eine offene Situation, in der sich entscheidet, ob es besser wird.

Ein Blick in die aktuelle Auseinandersetzung zeigt, dass der Begriff in der Regel als Anzeiger für Sachprobleme genutzt wird; die Krise wird in Fachkategorien (Preisschock, Bankenpleiten, Kurseinbrüche, Vertrauensschwund und andere) und entsprechenden Kennziffern (beispielsweise Bankaktien, Leitzinsen, Bonitäten) festgemacht.

Gleichwohl kennzeichnet die Krise darüber hinaus eine ganz eigene Logik. Diese Logik kommt allerdings erst zum Vorschein, wenn man den Kopf hebt und sich anschaut, wie mit dem Krisenbegriff operiert wird. Dann gerät die Art und Weise in den Blick, wie der Ausruf der Krise den Umgang mit Problemen modifiziert.

Dann wird erkennbar, mit welch tiefgreifender Ambivalenz der Begriff heute behaftet ist: Der Ausruf der Krise erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit und verlangt zugleich ein Ende der politischen Debatte. Er verlangt schnelle Entscheidungen und mahnt zur Vorsicht. Er appelliert an die Moral und konstruiert Alternativlosigkeit. Er stellt das System, im Sinne einer eingespielten Routine, in Frage, um es zu stabilisieren. Er forciert das Spezialistentum und vereinfacht es.

Zwei Deutungsmuster stecken in dieser Ambivalenz: Sachzwang und Moralisierung. Beide Muster kommen normativ aufgeladen daher. Nicht zufällig ist im Zusammenhang mit der Kapitalmarktkrise immer wieder das „TINA-Prinzip“ (there is no alternative) zitiert worden, nicht zufällig lautet das Unwort des Jahres 2010 „alternativlos“. Die „Gier der Manager“ und der „ehrbare Kaufmann“ stehen stellvertretend für eine Unzahl von Moralisierungen.

Was beide Muster verbindet ist der Ruf: „Ende der Debatte!“ (Gerhard Schulze) Wenn etwas „alternativlos“ genannt wird, wenn schnell entschieden werden muss, dann haben die Experten das Wort. Wenn Moral die öffentliche Auseinandersetzung prägt, dann wird mit der Unterscheidung zwischen richtig und falsch operiert und werden Sachfragen vorschnell vereinfacht (wenn der Moralappell nicht seinerseits als Ausdruck der Resignation angesichts der Alternativlosigkeiten daherkommt). Was gerade die moderne Gesellschaft mit ihrer Komplexität und Risikogeneigtheit bräuchte, Debatte und Reflexion, werden unwahrscheinlich.

Aber, so werden manche einwenden, wir können doch angesichts von Problemen nicht ewig debattieren. Welche möglichen Folgen solche Einwände haben können, hat die Auseinandersetzung vor dem Bundesverfassungsgericht um die Beteiligungsrechte des Bundestages im Zusammenhang mit der Erweiterung des „Euro-Rettungsschirms“ gezeigt.

Oder ist vielleicht alles gar nicht so schlimm, allein schon deshalb, weil die Krise mittlerweile so häufig ausgerufen wird, dass wir uns daran gewöhnt haben und, nach einer gewissen Zeit der Irritation, einfach weitermachen wie gehabt?

Doch Vorsicht! Die Ambivalenz lässt uns schnell wieder dort landen, wo wir angefangen hatten, nämlich beim „Weiter-So“, beim TINA-Prinzip.

Wie auch immer: Eine gehörige Portion Skepsis ist unerlässlich in Zeiten der Krisenkonjunktur. Denn Krisenzeiten erhöhen die Gefahr, notwendige Debatten zu unterbinden.

Der Autor hat den Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Paderborn inne.