Würzburg

Kolumne: Handelsabkommen und das Gemeinwohl

Warum werden internationale Handelsabkommen in einer Weise ausgehandelt, die immer mehr Exporte ermöglichen, selbst wenn sie gar nicht gewünscht werden?

Brigitta Herrmann
Die Autorin ist Theologin und Volkswirtin, Professorin für Globalisierung, Entwicklungspolitik und Ethik an der Cologne Business School und Mitglied im Sachbereich Nachhaltige Entwicklung und globale Verantwortung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Die Kolumne er... Foto: privat
Brigitta Herrmann
Die Autorin ist Theologin und Volkswirtin, Professorin für Globalisierung, Entwicklungspolitik und Ethik an der Cologne ... Foto: privat

Auf der Amazonassynode drehte sich vieles um die Bewahrung der Schöpfung. Die Regenwälder im Amazonasgebiet werden auch als Lunge der Welt bezeichnet, denn sie sind für die Erhaltung eines erträglichen Klimas auf der ganzen Erde von entscheidender Bedeutung. So entspricht es der von Papst Franziskus besonders empfohlenen Sorge um das gemeinsame Haus Erde, die Regenwälder und die in ihnen lebenden Völker besonders zu schützen.

EU produziert genügend Fleisch

Im Sommer 2019 jedoch wurde die ganze Welt aufgeschreckt durch unvorstellbar viele Brände gigantischen Ausmaßes im Amazonasregenwald. Bei der Frage nach den Ursachen der Brände wurde schnell klar, dass beispielsweise große brasilianische Agrarbetriebe ein Interesse an den Bränden hatten, denn dadurch wurden die Bäume des Regenwaldes verbrannt und das Land nutzbar als Weide für riesige Viehherden oder für den Anbau von Viehfutter. Beides sollte hauptsächlich exportiert werden, zum Beispiel in die EU.

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Staaten des „gemeinsamen Marktes des Südens“, Mercosur, würde diese Exporte erheblich erleichtern. In der EU gibt es jedoch bereits genügend selbst produziertes Fleisch – es wird hier weder gebraucht noch erwünscht, wie auch durch die Bauernproteste in Deutschland im Oktober und November 2019 deutlich wurde. Warum werden dann internationale Handelsabkommen in einer Weise ausgehandelt, die immer mehr Exporte ermöglichen, selbst wenn sie gar nicht gewünscht werden?

Besteuerung der CO2-Emissionen bei der Produktion und Transport

Es scheint, als hätten sich solche Verhandlungen verselbstständigt und als würde im Interesse einiger weniger Großunternehmen zulasten der Allgemeinheit verhandelt. Und dabei steht im Vorwort fast jedes internationalen Handelsabkommens, dass der Wohlstand aller und eine nachhaltige Entwicklung gefördert werden sollen. Wie müssten internationale Abkommen aussehen, die Wirtschaftsliberalisierung nicht als Selbstzweck oder nur für Wenige, sondern zur Förderung des Wohls aller und zur Bewahrung der Schöpfung anstreben?

Bestandteil dieser Abkommen wäre die Vermeidung unnötiger Transporte von nicht benötigten Produkten von einem Ende der Welt zum anderen. Und es würden keine Anreize gesetzt zur Abholzung dringend benötigter Regenwälder. Dies könnte zum Beispiel durch eine konsequente Besteuerung der CO2-Emissionen nicht nur bei der Produktion, sondern auch beim Transport von Produkten erreicht werden.

Wenn ein Produkt aus Brasilien so teuer wäre, dass auch der Schaden für das Klima, der beim Transport dieses Produktes entsteht, mit eingerechnet wird, dann würde es sich für niemanden lohnen, solche Exporte durchzuführen. Unnötige Transporte würden vermieden und es bestände kein Grund mehr, dafür den Regenwald abzuholzen. Gefördert würde durch solche Regelungen dagegen die Entwicklung umweltfreundlicher Transportmöglichkeiten, denn der Austausch vieler anderer Produkte trägt ja zum Allgemeinwohl bei, wenn er umwelt- und klimafreundlich gestaltet wird.

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