Kolumne: Die ukrainische Herausforderung

Die Ukraine ist ein Land im Umbruch. Obwohl es seit mehr als zwanzig Jahren de jure eine Demokratie ist, kämpft das Land noch immer für eine demokratische Kultur. Gerade Probleme werden seitens des Westen gesehen. Diese wurden durch die Parlamentswahlen Ende Oktober wieder deutlich. Dabei gibt es auch positive Entwicklungen: Der Widerstand gegen Korruption wächst, die Opposition kämpft sich mehr und mehr in den Vordergrund. Umso wichtiger ist es daher, weiter jene Kräfte zu stärken, die sich ernsthaft für einen wirklichen Übergang zur Demokratie einsetzen.

Eines der wichtigsten Probleme der modernen ukrainischen Gesellschaft ist eine signifikante moralische und ethische Trägheit, die eine Nachwirkung des totalitären, kommunistischen Staates ist. Die moralischen Prinzipien der „Erbauer des Kommunismus“, wie die treuen Sowjetbürger genannt wurden, haben noch immer Auswirkung auf das soziale Bewusstsein der Bürger. Bisher blieben fast alle Appelle für eine moralische Erneuerung in der gesellschaftlichen Sphäre ungehört, weil sie durch egoistische Interessen neutralisiert wurden. Und weil viele nicht wirklich an eine moralische Erneuerung glauben. Doch auch hier zeichnet sich ein Wandel ab: Immerhin 55 Prozent der Befragten einer aktuellen Erhebung sehen die Hauptursache der politischen Krise in einem Niedergang der moralischen Werte. Ist damit nicht die Chance gegeben, gerade aus kirchlicher Perspektive, sich als zivilgesellschaftliche Größe zu positionieren und eben jenen Wunsch einer Mehrheit der Bürger aufzugreifen? Müsste nicht Gott als absolute Größe wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, um auch den Menschen als Person wieder in den Mittelpunkt zu stellen?

Die wichtigste Aufgabe stellt sich im Bereich der Bildung. Dort muss der Hang zur inneren Trägheit und die Identifikation mit der Schein-Moral der „Erbauer des Kommunismus“ in ein neues System sozialer Beziehungen verwandelt werden. Hier kommt auch der griechisch-katholischen Kirche eine bedeutende pädagogische und theoretische Aufgabe zu: Sie muss sich unter anderem bemühen, die Zerrissenheit des Landes und der christlichen Konfessionen zu überbrücken.

Die Kirche, getrieben von der Sorge um die Nation, appelliert daher an die Verantwortung der Gesellschaft in ihren verschiedenen Sphären – etwa in der Politik und der Arbeitswelt – um immer wieder neu auf das Gemeinwohl zu verweisen und sich an ihm auszurichten.

Die griechisch-katholische Kirche erkennt die wichtige Rolle der Religion für die ukrainische Zivilgesellschaft und weist auf eine Aussage Benedikts XVI. hin: „Sie will der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, dass die Hellsichtigkeit für die wahren Ansprüche der Gerechtigkeit wächst und zugleich auch die Bereitschaft, von ihnen her zu handeln, selbst wenn das verbreiteten Interessenlagen widerspricht“ (Deus caritas est 25).

Daraus ergeben sich wichtige Aufgaben für die Kirche: Die Bildung einer demokratischen Mentalität der Bürger. Die Vermittlung, dass ethische Normen und Verhaltenskodizes im öffentlichen Leben zu beachten sind. Eine Ausbildung der Personen, den Dialog als ein Instrument für das gegenseitige Verständnis zu akzeptieren. Schließlich das Ersetzen des Ethos des Konflikts und der Macht mit der Ethik der Liebe und der Solidarität.

Das ist eindeutig eine langfristige Aufgabe, deren Umsetzung großes Engagement erfordert. Der Staat muss der Religion garantieren, ihre Rolle als gesellschaftliche Größe spielen zu können. Dies bedeutet, dass sich religiöse Gemeinschaften, sowohl sozial als auch institutionell in der öffentlichen Debatte einbringen und den Dialog mit verschiedenen politischen Akteuren im Sinne eines „Konsens in der Wahrheit“ ausgestalten können.

Der Weg zu einer konsolidierten Demokratie in der Ukraine steht noch vor vielen Hindernissen. Nur eine gemeinsame Anstrengung verschiedener Akteure kann den demokratischen Prozess beschleunigen. Nicht zuletzt ist die ukrainische Frage zugleich eine europäische. Gerade vor dem Hintergrund einer institutionellen Eingliederung des Landes in die EU müssen auch die EU-Staaten ihren Blick für die Verhältnisse in der Ukraine schärfen. Zu erkennen, wo die Ukraine kulturell und geografisch verortet ist, zeigt – gerade durch die Nähe zu Russland –, wie entscheidend die Einbindung dieses Landes für die Zukunft Europas sein kann. Wenn die Ukraine – diese historische Grenze zwischen dem „byzantinischen Osten“ und dem „lateinisch-humanistischen Westen“ – seine Entwicklung zu einem demokratischen Gemeinwesen westlichen Stils weiter fortführt, wird das ein Gewinn für Europa sein.

Der Autor ist Leiter der Kommission Iustitia et Pax Ukraine.