Würzburg

Kolumne: Die soziale Funktion der Erinnerung

Kollektive Erinnerung als soziale Rekonstruktion.

Bernhard Bleyer
Bernhard Bleyer ist Leiter des Instituts für Nachhaltigkeit in Technik und Wirtschaft an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Vor fast hundert Jahren arbeitete der französische Soziologe Maurice Halbwachs (1877–1945) sein Konzept der „mémoire collective“, des gemeinschaftlichen Gedächtnisses, aus. Kollektive Erinnerung an Vergangenes bestünde demnach vor allem in der sozialen Rekonstruktion von Geschehenem. Dabei versichern sich Individuen und soziale Gruppen, dass gegenwärtig bedeutsame Themen von historischen Bezugspunkten aus verstanden werden müssen. Miteinander Verbindendes kann sich so stabilisieren.

Festgesetzte Erinnerungszeiten und -orte

Eine Besonderheit des gemeinschaftlichen Gedächtnisses stellen offiziell gesetzte Erinnerungszeiten und -orte dar. Durch sie erklärt eine Institution, dass es öffentlich geboten ist, ein bestimmtes Ereignis als relevant zu erachten. In der Debatte um den Tag der Deutschen Einheit beispielsweise legte der Einigungsvertrag fest, dass der Zeitpunkt des Beitritts und nicht der des Mauerfalls der gemeinschaftliche Bezugspunkt sei. Ob bei der staatlichen Feiertagsregelung oder bei den Festtagen der Religionen, in beiden Fällen setzt eine öffentlich anerkannte Institution die Erinnerungswürdigkeit bestimmter Themen oder Ereignisse.

Mit der jährlichen Wiederkehr von Gedenktagen lässt sich die bleibende Bedeutung eines Themas verankern, auch wenn die aktuelle Nachrichtenlage gerade andere Meldungen in den Vordergrund rückt. Ein solcher Gedenktag ist der 30. August. Vor nunmehr neun Jahren erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Tag zum „International Day of the Victims of Enforced Disappearances“. Warum es zur Benennung eines Internationalen Tages der Verschwundenen kam, hat mit Ereignissen zu tun, die kaum das kollektive Erinnern hierzulande prägen. Als während der 1970er Jahre in Mittel- und Südamerika – Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru, Guatemala, El Salvador, Uruguay und Bolivien – militärische Befehlshaber die Regierungsgeschäfte übernahmen, setzte eine systematische Verfolgung politisch Andersdenkender ein. Die Zeit der „desaparecidos“ begann.

Erbarmungsloses Verschwinden

Dass die Ereignisse bis ins Heute reichen, zeigte kürzlich ein Bericht der argentinischen Tageszeitung Clarín. Zwei Lastwagenladungen voller menschlicher Knochen seien an die Escuela de Mecánica de la Armada (ESMA) in Buenos Aires gebracht wurden. Die ESMA war während der Diktatur von Jorge Rafael Videla eine umfunktionierte Marineschule, in deren Räumen Tausende gefoltert und ermordet wurden. Nun ist sie der Sitz eines Instituts für forensische Anthropologie. Der Ort des erbarmungslosen Verschwindens wird zum Ort der Namensgebung der Verschwundenen.

Kollektive Erinnerung an Vergangenes bedarf institutionell vorgegebener Orte, Zeiten und Themen. Sie braucht diese hinweisende Aufmerksamkeit auf Themen, die jenseits der tagespolitischen Aktualität liegen. Die Opfer des erzwungenen Verschwindens bleiben so im kollektiven Gedächtnis präsent: Am 30. August, dem Internationalen Tag der Verschwundenen, und darüber hinaus.