Kolumne: Deutschland profitiert von EZB

Von Richard Böger

Richard Böger. Foto: Privat
Richard Böger. Foto: Privat

Die Null- und Minuszinspolitik der Europäischen Zentralbank wird in Deutschland überwiegend negativ beurteilt. Durch die sehr expansive Geldpolitik würden die deutschen Sparer „enteignet“, so lautet ein häufiger Vorwurf. Ganz extrem wurde vor einigen Wochen an dieser Stelle von Prinz Michael von und zu Liechtenstein von der „Unmoral von Negativzinsen“ gesprochen. Wer Geldpolitik anhand solcher moralischen Maßstäbe misst, der braucht auch nicht mehr zu analysieren, wer die Gewinner und Verlierer dieser Politik sind. Dies trägt zur Unsachlichkeit in der wirtschaftspolitischen Debatte bei, da eine fehlende Wirkungsanalyse sehr schnell zu falschen Schlussfolgerungen und Forderungen führen kann.

Die sehr expansive Geldpolitik der letzten Jahre hatte und hat zur Folge, dass die Zinsen in Deutschland in den letzten Jahren etwa drei bis vier Prozent niedriger waren und sind, als bei einer Geldpolitik, die der sehr positiven wirtschaftlichen Lage in Deutschland angemessen gewesen wäre. Gleichzeitig hat sich der Euro gegenüber anderen Währungen, insbesondere dem Dollar, um etwa 20 Prozent abgewertet. Wer sind die Gewinner dieses niedrigen Zinsniveaus?

Dies ist zunächst und am deutlichsten der Staat, der für seine Schulden deutlich weniger Zinsen zahlen muss. Schäuble's berühmte „schwarze Null“ wäre ohne das niedrige Zinsniveau nicht zu erreichen gewesen. Volle Kassen bei den öffentlichen Haushalten und bei den Sozialversicherungen kommen in Deutschland vielen Menschen zugute. Neben den direkt im öffentlichen Dienst Beschäftigten profitiert hiervon insbesondere die Gesundheits- und Pflegebranche, da es hier keinen Spardruck gibt und auskömmliche Vergütungen verhandelt werden können. Alle Caritasunternehmen sind somit Profiteure der EZB-Nullzinspolitik. Auch Rentner profitieren von den vollen Kassen. Es gibt keine Diskussion über Rentenkürzungen, nein die Politik streitet nur darum, welcher Gruppe höhere Renten zugestanden werden sollten. Dies schwankt je nach politischer Ausrichtung mehr zwischen einer Begünstigung der Familien/Mütter (CDU) oder den Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiografien (SPD). Die nächsten großen Gewinner sind alle Unternehmen. Neben ihrem Eigenkapital setzen die Unternehmen auch Fremdkapital ein. Dessen Kosten sind durch die niedrigen Zinsen deutlich gesunken, so dass bei sonst gleichem Umfeld höhere Gewinne erwirtschaftet werden. Dies ist auch ein Grund für die exzellente wirtschaftliche Verfassung der deutschen Wirtschaft und Motor des kontinuierlichen Arbeitsplatzaufbaus. Die hohe Arbeitsplatzsicherheit, die wir im Moment haben, ist ein Gewinn für sehr viele Menschen. Auch dies ist somit eine Folge der EZB-Politik. Besonders profitieren in der Wirtschaft die Exportunternehmen, die angesichts des schwachen Euros ihre Wettbewerbsstärke noch besser ausspielen können.

Weitere große Profiteure der Nullzinspolitik sind alle in der Immobilienwirtschaft tätigen Unternehmen. Die niedrigen Zinsen machen Investitionen in Immobilien attraktiv, wovon die Bauwirtschaft profitiert. Die Immobilienpreise steigen tendenziell stärker als bei höheren Zinsen, so dass von der Zinspolitik die große Mehrheit der Immobilienbesitzer profitiert. Die niedrigen Zinsen sind nicht der Grund für steigende Mieten. Die Mieten steigen aufgrund der realen Knappheit an Wohnraum, der durch Investitionen in Immobilien eher reduziert wird. Gewinner der EZB-Politik sind die Menschen, die sich zur Eigennutzung eine Immobilie kaufen oder bauen wollen, da die monatlichen Belastungen aufgrund der niedrigen Zinsen deutlich verkraftbarer sind. Die Schaffung von Eigentum insbesondere für Familien wird durch die EZB-Politik deutlich erleichtert, wobei die Politik diese Gruppe noch deutlich stärker unterstützen sollte.

Nun zu den Verlierern der Nullzinspolitik zu. Vorab, alle Menschen, die nur über ein geringes Sparguthaben verfügen, können unter den niedrigen Zinsen gar nicht leiden. Dies sind nach den Erhebungen der Deutschen Bundesbank etwa 50 Prozent aller Haushalte in Deutschland. Verlierer der Nullzinspolitik sind alle, die über ein hohes Vermögen verfügen, und dies überwiegend in Zinspapieren angelegt haben. Da als Folge der Nullzinspolitik nicht nur die Zinsen gesunken sind, sondern auch die Aktienkurse und Immobilienpreise gestiegen sind, konnten und können Anleger die geringeren Zinseinkünfte durch Diversifikation ihrer Vermögensanlage in Aktien und Immobilien ausgleichen. Dies wird in Deutschland aber immer noch zu wenig getan.

Ich schätze, dass 80–90 Prozent der Deutschen von der Null- und Minuszinspolitik der Europäischen Zentralbank profitieren. Nur eine Minderheit leidet, wobei sich dies meines Erachtens eher um Phantomschmerzen als um echte Einbußen handelt. Es gibt deshalb keinen Grund für die deutsche Politik, sich ein schnelles Ende der Nullzinspolitik herbeizuwünschen. Ich bin überzeugt, dass viele, die dies jetzt tun, in einigen Jahren der schönen Zeit der niedrigen Zinsen hinterherjammern und dies nachträglich als „goldenes“ Zeitalter verklären werden.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Caritas eG.