Kolumne: Der neue alte Antisemitismus

Von Professor Thomas Hoppe

Die Beschneidungsdebatte im Jahr 2012 und die Eskalation der Gewalt im Gaza-Streifen 2014 sind jüngste Anlässe für eine Flut antisemitischer Beschimpfungen, die bis heute nicht verebbt ist. In den gewählten Formulierungen wird deutlich: Es sind dieselben Stereotype wirksam, mit denen sich jene jahrhundertealte Judenfeindschaft zu legitimieren suchte, die in deutschen Vernichtungslagern einen grauenvollen Höhepunkt erreichte. Auf gespenstische Weise dazu passend die auf öffentlichen Plätzen gebrüllten Parolen: „Hamas, Hamas – Juden ins Gas!“, skandierten Demonstranten während des Gaza-Konflikts. „Du Jude!“ ist schon seit längerem eine besondere und sich verbreitende Form der Herabsetzung von Mitschülern, wobei manche, die so reden, nicht einmal genau erfassen, welche Bedeutungsgehalte dabei mitschwingen. Von tätlichen Angriffen auf Menschen, die sich als Juden erkennbar zeigen, wird in erschreckender Häufigkeit berichtet.

Subtiler, aber nicht weniger wirksam, sind die kodierten Formen des alten Antisemitismus in neuer Verkleidung. Denn durch sie wird es möglich, judenfeindliche Ressentiments in breite Schichten der Gesellschaft hinein zu transportieren und so auch Menschen zu erreichen, die die eben beschriebenen vulgären Artikulationsformen ablehnen. Zugleich sinkt dadurch die Hemmschwelle, solche Ansichten zu äußern – in öffentlichen wie nicht öffentlichen Kontexten, auch in den sozialen Medien.

Als Medium solch eines getarnten Antisemitismus bietet sich gegenwärtig vieles von dem an, was sich unter dem Stichwort „Israelkritik“ subsumieren lässt. Vieles, nicht alles: Es gibt selbstverständlich legitime Anfragen und auch Kritik an der Politik der jeweiligen israelischen Regierung, die sachlich vertretbar und in der Form angemessen erscheint.

Aber weitaus häufiger ist eine Weise der Kritik, deren deutlich hörbarer Subtext auf eine Dämonisierung und Delegitimierung (N. Sharansky) Israels hinausläuft. Dies geschieht etwa dort, wo die vielfach leidvollen Lebensverhältnisse der palästinensischen Bevölkerung in gröbster Verzerrung so beschrieben werden, dass dabei deren Vergleichbarkeit mit der Situation von Menschen nahegelegt wird, die Opfer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen wurden.

Und oft genug zielt die Forderung nach einer „Befreiung Palästinas“ eben nicht nur auf die Realisierung einer funktionierenden Zwei-Staaten-Lösung, sondern impliziert die Negation des Existenzrechts Israels als unabhängiger Staat, selbst in seinen Grenzen vor 1967, und übernimmt damit distanzlos das politische Programm radikaler islamistischer Gruppen vor Ort.

Dies korrespondiert in der Regel mit doppelten Standards, die an das Handeln israelischer und palästinensischer Akteure angelegt werden: Mit der großen Aufmerksamkeit gegenüber Berichten über Menschenrechtsverletzungen, für die Israel verantwortlich gemacht wird, kontrastiert die geradezu gleichmütige Hinnahme von Meldungen über versuchte wie ausgeführte Terroranschläge, Entführungen und Raketenbeschuss auf Ziele in Israel, Hasspropaganda in palästinensischen Schulbüchern und anderen Medien – und nicht zuletzt über die dadurch verursachte Angst gegenüber einer permanenten und als existenziell empfundenen Bedrohung, der zahllose Israelis seit langem ausgesetzt sind, und deren individual- und sozialpsychologische Folgen.

Was kann man dagegen tun? Aufklären – über Entstehungshintergründe und typische Inhalte des herkömmlichen Antisemitismus. Aufdecken – von demagogischen Mechanismen im Gewand scheinbar seriöser Berichterstattung und Kommentierung. Aufstehen – gegen alte wie neue Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen, weil sie Juden sind. Solidarisch handeln – gegenüber jenen, deren Existenz und Würde auf dem Spiel stehen, wenn wir sie nicht schützen.

Der Autor ist Professor für Katholische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Sozialwissenschaften und der Sozialethik an der Helmut Schmidt-Universität Hamburg.