Kolumne: Christentum und Liberalismus

Markus Krienke. Foto: priv.
Markus Krienke. Foto: priv.

Am Grund der gegenwärtigen Krise, die nicht alleine ökonomischer Art ist, sondern beinahe alle Facetten der europäischen Kultur durchzieht, steht eine Krise unseres Verständnisses von „Freiheit“. Sie verschärft sich in dem Maße, in dem in Vergessenheit gerät, worauf nicht nur Böckenförde und die Väter der sozialen Marktwirtschaft, sondern auch bedeutende liberalkatholische Denker des 19. Jahrhunderts verwiesen: dass nämlich Freiheit auf moralisch-kulturellen Vorausbedingungen beruht. Das Schwinden des Bewusstseins der moralischen Dimension der Freiheit drückt sich heute in jener Entgegensetzung von „frommem Dilettantismus“ und „moralfreiem Ökonomismus“ aus, vor der Röpke gewarnt hatte. So finden wir auf der einen Seite Positionen, welche ohne ökonomischen Sachverstand eine moralistische Position vertreten und zur „Zähmung“ des sozialdarwinistisch interpretierten Marktes die staatlichen Eingriffs- und Regulierungskompetenzen erweitern möchten; diesen steht auf der anderen Seite ein für die sittlich-moralische Dimension unempfindlicher Neoliberalismus gegenüber.

Auch wenn es beide Extrempositionen für sich reklamieren – keine der beiden realisiert die Idee von Freiheit, wie sie der sozialen Marktwirtschaft zugrunde liegt. Ebenso wenig können sie in der kirchlichen Sozialverkündigung Bestätigung finden. Nach Röpke etwa besteht die Übereinstimmung von sozialer Marktwirtschaft und kirchlicher Soziallehre einerseits in der Zentralstellung der menschlichen Person sowie dem Schutz ihrer Würde und andererseits in der Ablehnung jeder zentralistischen oder sozialistischen Organisation des Marktes.

In ersterem Aspekt kommt der ordoliberale Grundgedanke zum Ausdruck, dass der Markt nur in einer Gesamtordnung funktioniert, welche die Grundrechte der Person als liberale Freiheitsrechte, politische Mitwirkungsrechte und soziale Anspruchsrechte sichert. Für die ordoliberalen Väter der sozialen Marktwirtschaft stellt es ein unbestreitbares Prinzip dar, dass die Freiheit der Person in diesen drei Dimensionen unteilbar ist. In dem Maße, in welchem diese grundrechtlichen Garantien in der staatlichen Ordnung verwirklicht sind, lässt sich von einem Zustand „sozialer Gerechtigkeit“ sprechen.

Der zweite Aspekt verweist darauf, dass damit die Kompetenz der staatlichen Ordnung erschöpft ist: In keiner Weise darf der Staat selbst die Steuerung des Marktes übernehmen, auch nicht aus dem Interesse heraus, dadurch das Marktgeschehen „perfektionieren“ zu wollen. Dem Staat steht dies nicht anheim, da ihm nicht nur das Wissen davon fehlt, welches der „perfekte“ gesellschaftliche Zustand ist, sondern es ihm auch an der sowohl ökonomischen wie auch moralischen Kompetenz mangelt. Dieser Zusammenhang lässt sich als „Antiperfektismus“ bezeichnen.

„Soziale Gerechtigkeit“ und „Antiperfektismus“ sind keine Röpkeschen Begriffe, sondern wurden zum ersten Mal von Antonio Rosmini (1797–1855) geprägt. Wie dem Ordoliberalismus und der kirchlichen Soziallehre stand es ihm fern, einerseits den Markt zu moralisieren und dadurch staatliche Intervention zu rechtfertigen oder andererseits den Menschen auf den „homo oeconomicus“ zu verkürzen und so von jeder moralischen oder sozialen Dimension zu abstrahieren. Beide Extreme stehen für ihn außerhalb des christlichen Menschenbildes, demzufolge die moralische Ressource des Marktes die Person in ihren ureigenen moralischen und sozialen Gemeinschaftsbezügen ist. Rosmini könnte daher mit der Röpkeschen Feststellung übereinstimmen: „Der Liberalismus ist in seinem Wesen nicht ein Abfall vom Christentum, sondern sein legitimes Kind“. In dieser Aussage bringt Röpke den heute weithin vergessenen moralischen Anspruch an das Freiheitsverständnis des Liberalismus und mithin einen möglichen Weg aus der gegenwärtigen kulturellen Krise Europas zum Ausdruck.

Markus Krienke ist Professor für Christliche Sozialethik und Kirchliche Soziallehre sowie Direktor der „Cattedra Antonio Rosmini“ an der Theologischen Fakultät in Lugano.