Von Professor Markus Vogt

Kolumne: Atomenergie nach Fukushima

Der Reaktorunfall in Fukushima hat die Debatte um die Atomenergie neu aufflammen lassen. Der Glaube an ihre Sicherheit ist zerstört. Über Erdbeben und Tsunami hinaus hat sich menschliches Versagen als erheblicher Risikofaktor gezeigt. Technik, die fehlerlose Menschen voraussetzt, ist nicht verantwortbar. Dies hätten wir bereits vor 25 Jahren anhand von Tschernobyl lernen können. Auch in Deutschland gab und gibt es immer wieder Mängel und Störfälle.

Lange war die Frage der Atomenergie in der katholischen Kirche umstritten. Nun hat die Konferenz der Bayerischen Bischöfe am 24. März 2011 deutliche Worte gefunden: „Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat einmal mehr eindringlich die Grenzen der menschlichen Macht aufgezeigt. Das Restrisiko der Kernenergie ist unkalkulierbar, die Frage der Endlagerung ist ungeklärt und darf den nachfolgenden Generationen nicht aufgebürdet werden. Die bayerischen Bischöfe sehen in der Atomkraft keine dauerhafte Perspektive für die Energieversorgung. Der Ausstieg aus dieser Technologie muss so schnell als möglich vollzogen werden, die Phase des Einsatzes von Nuklearenergie als so genannte Brückentechnologie muss so kurz als möglich sein.“

In der ethischen Diskussion kommt dem Argument der Brückentechnologie eine entscheidende Funktion zu. Das Versprechen, die durch verlängerte Laufzeiten erzielten Gewinne konsequent für einen Umbau der Energieversorgung zu nutzen, wurde nicht erfüllt. Kernenergie verhindert eher die Strukturveränderungen, die nötig sind, damit erneuerbare Energien und das riesige Marktpotenzial der Energieeffizienz ihre Chancen entfalten. Kernenergie ist keine Brücke in die Zukunft, sondern eine Brücke in die Energiestrukturen von gestern.

Das Zwischen- und Endlagerproblem der Atomenergie ist ungelöst. Es würde eine 10 000 Jahre stabile Gesellschaft voraussetzen, die verbrauchten Brennstäbe sicher zu lagern. Das kann niemand garantieren. Schon gar nicht, wenn wir in die Geschichte blicken.

Kernenergie erscheint gegenwärtig vor allem deshalb attraktiv, weil sie von der großen Herausforderung eines Wandels des bisherigen Wohlstandsmodells ablenkt. Nur wenn wir insgesamt weniger Energie brauchen, werden wir Versorgungsengpässe oder ein Ausweichen auf Kohle verhindern können. Der Ausbau von Kohlenutzung ist aufgrund des Klimawandels keine ethisch tragfähige Alternative.

Wir brauchen eine Energiediät. Dabei ist die Mitwirkung aller gefragt. Struktur- und Verhaltensänderungen müssen zusammenkommen. Energieeinsparung ist ein noch kaum entdecktes Innovationsfeld für die Wirtschaft. Sie ist billiger, breitenwirksamer und zukunftsverträglicher als Kernenergie. Bei dem sich abzeichnenden Wandel der Energieversorgung geht es nicht nur darum, den einen Energieträger durch einen anderen zu ersetzen, sondern um einen tiefgreifenden Strukturwandel. Er braucht neue Muster in der Art von Produktion, Konsum, Mobilität und Siedlungsstrukturen. Wer sich rechtzeitig auf den Wandel zur postatomaren und postfossilen Gesellschaft einstellt, wird vielfältige Chancen haben.

Das aktuelle Moratorium in der deutschen Atompolitik darf keine Eintagsfliege bleiben. Es muss zu einer dauerhaft verlässlichen Strategie des Umbaus der Energiesysteme führen. Wir brauchen eine glaubwürdige Politik. Nur der Kurswechsel zu einer nachhaltigen Energieversorgung garantiert die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Der Autor hat den Lehrstuhl christliche Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät an der LMU München inne und eine Forschungsprofessur am Rachel Carson Center for Environment and Society.