Hongkong

Ist das Tor bald dicht?

Die Entwicklung des Finanzplatzes Hongkong wird von den Protesten beeinflusst.

Hong Kong raises base rate by 25-basis point to one percent
Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Hongkongs in Europa. Foto: dpa

Welche Zukunft hat der Finanzplatz Hongkong? Über 600 deutsche Unternehmen und Regionalbüros sind hier ansässig. Zu ihnen gehören Siemens, Lufthansa, Metro, Kaufland oder Lidl. Etwa 4 000 Deutsche, vor allem Geschäftsleute, leben hier. Die Metropole ist für deutsche Firmen immer ein wichtiges Tor zum chinesischen Markt. Deutschland ist vor Großbritannien wichtigster Handelspartner in Europa. Wie die deutsche Außenhandelskammer (AHK) in Hongkong informiert, haben von 60 deutschen Unternehmen bei einer Umfrage Anfang August rund die Hälfte mitgeteilt, Betriebsstörungen durch die Massenproteste in der Stadt erlebt zu haben. Genannt wurden Störungen im Vertrieb, bei den Geschäftszeiten, im Transport und bei der Arbeitsmoral der Mitarbeiter. „Während die meisten Unternehmen angaben, dass sie über kurzfristige Notfallpläne verfügen (also flexiblere Bürozeiten und Home Office, operative Anpassungen sowie die Verschiebung von Budgetentscheidungen auf einen späteren Zeitpunkt), berichtete keines dieser Unternehmen über eine Anpassung seiner langfristigen Geschäftsstrategie“, so die AHK.

Größte Banken der Welt in Hongkong ansässig

Über 70 der weltweit größten Banken sind in der Stadt tätig. Die Börse ist die sechstgrößte der Welt. Hongkong ist eigenständiges Mitglied unter anderem bei GATT, in der Welthandelsorganisation WTO und der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft APEC. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug 2017 pro Kopf rund 40 000 Euro. Der Dienstleistungssektor trägt 90 Prozent zum BIP bei. Der Flughafen ist mit täglich etwa 1 000 Flügen einer der verkehrsreichsten der Welt. Die Sonderverwaltungsregion Hongkong ist ein Freihafen und separates Zollgebiet. Seit 2009 hat Hongkong eine eigene Vertretung in Berlin, das „Hongkonger Wirtschafts- und Handelsbüro“. Nach Angaben des Büros reisten 2018 rund 227 000 Deutsche nach Hongkong ein. 2018 erhielten aber auch erstmals zwei junge Hongkonger Asyl in Deutschland, die wegen Beteiligung an Unruhen im Stadtteil Mongkok im Jahr 2016 angeklagt waren. Sowohl Hongkong als auch Peking protestierten dagegen.

Max Zenglein, Leiter der Wirtschaftsabteilung des „Merics“ (Mercator Institute for China Studies) in Berlin ist ein guter Hongkong-Kenner. Viele Jahre war er für die AHK in der Region „Greater China“ tätig. Gerade war er wieder in der Hafenmetropole und hat auch die Massendemonstrationen erlebt. „Das Leben in der Stadt pulsiert komplett weiter, nichtsdestoweniger sind die Unsicherheit und die Emotionen in der Stadt extrem hoch“, berichtet er im „Merics“. Niemand sehe eine kurzfristige Lösung. „Wenn es um das rein Operative geht, erfahren die deutschen Unternehmen keine sonderlich großen Einschränkungen. Man überlegt sich allerdings einen Plan B für den Fall, dass alles weiter eskaliert, wenn die Gewalt zunimmt oder chinesische Truppen einmarschieren.“

Finanzplatz bereits irreparabel geschädigt

Einige Unternehmen hätten ihm gegenüber auch schon geäußert, dass der Standort für sie nicht mehr interessant sei, wenn Hongkong seinen Sonderstatus mit der weitreichenden Autonomie verlöre. Für ausländische Unternehmen sei Hongkong dabei „nicht zwingend relevant“, um mit China Geschäfte zu machen, aber es biete viele Vorteile. Besonders wichtig sei Hongkong für chinesische Unternehmen, da es in der Volksrepublik immer noch sehr strikte Kapitalverkehrskontrollen gebe. Für wohlhabende Chinesen sei jedoch auch Hongkong „kein sicherer Hafen“ mehr. Diese brächten Geld inzwischen zum Beispiel nach Singapur oder London. Schanghai oder das nahegelegene Shenzhen könnten Hongkong nicht als global bedeutsamen Finanzplatz ersetzen. Ein solcher benötige Rechtssicherheit, eine frei konvertierbare Währung und freien Kapitalverkehr. „Aus meiner Sicht sind die Schäden am Finanzplatz Hongkong bereits irreparabel“, sagte Zenglein. Die Institutionen hätten Schaden genommen. Das verloren gegangene Vertrauen könne auch nicht wiederhergestellt werden: „Dieser Zug ist abgefahren.“

Als besonders gravierendes Beispiel verwies Zenglein auf das chinesische Vorgehen gegen die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific. Weil Mitarbeiter des Unternehmens Sympathie für die Protestbewegung zeigten, wurde es massiv unter Druck gesetzt, diese zu „disziplinieren“. Vier Flugkapitäne, ein Flugbegleiter und zwei Leute des Bodenpersonals wurden entlassen, auf chinesischem Boden wurden Mitarbeiter verhört. Der Firmenchef von Cathy Pacific und einer seiner Stellvertreter traten zurück. Auch große Bilanzprüfungsunternehmen wie KPMG, Ernst & Young, Deloitte und Pricewaterhouse Coopers und ihre Mitarbeiter seien mittlerweile unter Druck geraten.