Würzburg

Digitalisierung braucht Führung

Die Digitalisierung bietet dem deutschen Mittelstand viele Chancen, doch der nutzt diese noch zu zaghaft. Ein Interview mit dem Digitalisierungsexperten Andreas Dohmen.

Künstlicher Intelligenz:Zwei Roboter bohren und setzen Nieten im Airbus Werk
Künstliche Intelligenz spielt eine immer größere Rolle: Zwei Roboter bohren und setzen Nieten im Airbus Werk in Hamburg-Finkenwerder. Foto: dpa

Herr Dohmen, die digitale Transformation ist eine Revolution. Auf was müssen wir uns einstellen?

Sie sagen es: In der Geschichte gab es schon oft gravierende Umwälzungen. Da waren die Veränderungen massiv. Es gab aber zwei wesentliche Unterschiede: Sie betrafen zunächst nur einige Wirtschaftsbereiche. Die digitale Transformation aber lässt kaum einen „Stein auf dem anderen“, in allen Bereichen der Wirtschaft.

Der zweite Faktor ist die Zeit: Es dauerte gut 75 Jahre bis 100 Millionen Menschen nach der Erfindung des Telefons telefonierten. Heute brauchte es aber nur zwei bis drei Jahre, bis die gleiche Anzahl von Menschen über WhatsApp kommunizierten. Die Geschwindigkeit, mit der neue Innovationen die Gesellschaft durchdringen, ist viel kürzer. Das erfordert neues Denken, ein „Loslassen“ sowie Verlassen von etablierten Denkmustern. Aber „Loslassen“ ist nicht einfach, vor allem in hochentwickelten und eigentlich sehr reichen und „saturierten“ Gesellschaften.

Deutschlands Mittelstand hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Das zeigt eine Studie der WHU Otto Beisheim School of Management, die gerade erschienen ist. Wie erklärt sich diese Zurückhaltung, die ja in fünf bis zehn Jahren direkte Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit haben wird?

Ursachen und Gründe sind vielfältig: Wandel ist immer sehr schwer, wenn es „läuft“. Trotz einiger Wolken am Horizont, läuft es in der deutschen Wirtschaft gut, vor allem dank der enormen Innovationskraft des Mittelstandes. Nicht umsonst ist er in vielen Bereichen Weltmarktführer. Die vollen Auftragsbücher der letzten Jahre haben dazu geführt, dass durch Abarbeiten andere Dinge in den Hintergrund getreten sind. Dann der Mangel an Fachkräften, vor allem an Absolventen aus den MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

„Die Chancen durch digitale Transformation sind enorm, erfordern aber eben eine gezielte Lenkung der digitalen Transformation, sowie eine wesentlich schnellere und fokussierte Umsetzung.“
Andreas Dohmen, Digitalisierungsexperte

Von ihnen gibt es zu wenige. Sie werden von großen Unternehmen, aber auch von Start Ups, heftig umworben. Die digitale Transformation muss einen Kulturwandel beinhalten. Alte, eventuell starre oder gar patriarchalische Führungs- und Entscheidungsstrukturen passen weder zu den Anforderungen einer schnellen, flexiblen und innovativen digitalen Welt, noch zu den Ansprüchen der heutigen jungen Arbeitnehmer. „Digital Leadership“ ist gefordert.

Sie schreiben im Buch, dass wir „an einer Wegkreuzung in der Geschichte der Menschheit“ stehen. Müssen wir uns vor der Zukunft, Stichwort Künstliche Intelligenz (KI), fürchten?

Wenn mich etwas umtreibt, dann sind es politische Umwälzungen, die von „Demagogen“ angetrieben werden. Für diese sind Instrumente wie KI in Verbindung mit sozialen Medien hervorragende Möglichkeiten, Meinungen zu polarisieren, um sie dann entsprechend zu lenken. Weiter sehe ich die Abhängigkeit von Deutschland und ganz Europa von Digitalkonzernen aus USA und China kritisch. Langsam erkennt man die ganzen Ausmaße und die Politik beginnt zu reagieren. KI kann dazu beitragen, große Probleme in der Medizin, sowie in dem ja sehr aktuellen Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit zu lösen. Aber die Verantwortung liegt bei uns Menschen und nicht bei den Maschinen!

Ihr Buch trägt den Titel „Wie digital wollen wir leben?“ – Haben wir hier noch die Entscheidungsmöglichkeit?

Definitiv Ja. Aber das gelingt nur, wenn wir uns alle aktiv mit der Thematik beschäftigen. Dazu gehört auch die Überwindung von „inneren“, emotionalen Blockaden, die sich grundsätzlich bei einer Veränderung, wie beispielsweise beim Klimawandel und den damit verbundenen notwendigen Maßnahmen, einstellen.

In der öffentlichen Debatte hat man den Eindruck, dass die Digitalisierung ein großes schwarzes Monster ist, das über uns hinwegfegt. Schauen wir zu stark auf die Risiken und sehen nicht die Chancen?

Das ist so. „Bad News“ verkaufen sich gut, wie auch stark dystopische Bücher, die beispielsweise von der Übernahme der Welt durch eine Super-KI sprechen. Die Chancen durch digitale Transformation sind enorm, erfordern aber eben eine gezielte Lenkung der digitalen Transformation, sowie eine wesentlich schnellere und fokussierte Umsetzung.

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