Biotreibstoffe schüren Hunger

Welthungerbericht der UNO veröffentlicht – Caritas fordert ein striktes Verbot von Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln. Von Carl-H. Pierk

Nicht nur in Afrika wird gehungert: unterernährte Kinder in Nordkorea. Foto: dpa
Nicht nur in Afrika wird gehungert: unterernährte Kinder in Nordkorea. Foto: dpa

Nach einer leichten Entspannung in den vergangenen Jahren ist die Zahl der hungernden und unterernährten Menschen auf etwa 925 Millionen gestiegen. Und Krisen wie die gegenwärtige am Horn von Afrika zeigen, dass das UN-Millenniumsziel, den Anteil der weltweit Hungernden bis 2015 zu halbieren, in Gefahr ist. „Aber selbst wenn wir das Ziel bis 2015 erreichten, wären immer noch 600 Millionen Menschen in Entwicklungsländern unterernährt“, heißt es im „Welthungerbericht 2011“. Das könne nicht akzeptiert werden.

Der Bericht wurde diese Woche von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem UN-Welternährungsprogramm und dem Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung veröffentlicht.

Der Welthunger-Index untersucht in diesem Jahr die Ursachen und Folgen der hohen Preisentwicklung der letzten Jahre. Die wichtigste Aussage lautet: Die steigende Verwendung von Agrarprodukten zur Herstellung von Treibstoff, die Auswirkungen des Klimawandels in Form von extremen Wetterverhältnissen sowie ein Anstieg der Preisspekulation an den Agrarmärkten sind die wichtigsten Gründe dafür, dass die Preise in den letzten Jahren immer wieder neue Rekordhöhen erreichen und starken Schwankungen ausgesetzt sind. Die starken Preisschwankungen auf den globalen Nahrungsmittelmärkten werden sich auch in Zukunft fortsetzen und wahrscheinlich noch weiter zunehmen, geht aus dem Welthungerbericht hervor.

Dies befürchtet auch Oliver Müller, der Leiter von Caritas international, dem Hilfswerk der Deutschen Caritas. Für die Menschen in Entwicklungsländern habe das gravierende Folgen, erklärte er gegenüber dieser Zeitung. „Während in Deutschland Haushalte im Schnitt 15 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, liegt dieser Anteil in afrikanischen und asiatischen Ländern bei 70 bis 90 Prozent. Diese Menschen haben keinen Spielraum mehr, größere Schwankungen bei Nahrungsmittelpreisen auszugleichen, weil sie bereits jetzt den größten Teil ihres Einkommens dafür ausgeben.“ Müller fordert ein striktes Verbot von Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln. „Außerdem müssen wir nachhaltiger wirtschaften. Ein klassisches Beispiel sind Tiefkühlwaren, zum Beispiel Hühnchen, die die Europäische Union zu billigsten Preisen an westafrikanische Länder abgibt. Das Fleisch kommt dort zu Dumpingpreisen auf den Markt und schadet den Kleinbauern, die vor Ort nicht so günstig produzieren können. Auch Biotreibstoffe sind kein nachhaltiger Weg, Energieprobleme zu lösen. Denn für den Anbau von Biotreibstoffen werden landwirtschaftliche Flächen genutzt, auf denen vormals Nahrungsmittel angebaut wurden.“ Ähnlich argumentiert die Umwelt- und Entwicklungsorganisation „Germanwatch“. Sie folgert in ihrer zweiten Trendanalyse zur globalen Ernährungssicherung, die wichtigste strukturelle Ursache für den dramatischen Anstieg der Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel sei der von der Politik geförderte Agrosprit-Boom in Europa und Amerika.

Der Leiter von Caritas international kritisiert zudem das sogenannte „Land Grabbing“, den Kauf oder die Pacht von großen Agrarflächen durch ausländische Investoren – von Kritikern auch als stille Form des Kolonialismus bezeichnet. Diese Form der wirtschaftlichen Nutzung von Anbauflächen durch Unternehmen oder Staaten auf fremdem Territorium ist nicht neu. China etwa betreibt in Afrika seit den 1950er-Jahren Landwirtschaft. In Afrika sollen in den vergangenen Jahren nach Schätzungen der Vereinten Nationen etwa 20 Millionen Hektar verkauft oder verpachtet worden sein. In der Regel stehen diese Flächen dann nicht mehr für die lokale Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. Müller folgert: „So kann es zu der paradoxen Situation kommen, dass in Hungergebieten Lebensmittel für den Export angebaut werden.“