Bankenkrise und Ethik

Brancheninsider beleuchten die Finanzmärkte. Von Lars Schäfers

Lehman Brothers
Die Pleite der Lehmann Brothers löste die Bankenkrise aus. Foto: dpa
Lehman Brothers
Die Pleite der Lehmann Brothers löste die Bankenkrise aus. Foto: dpa

Zehn Jahre ist es her, dass die Bankenbranche die Wirtschafts- und Finanzkrise verursachte. Die Verantwortlichen profitierten lange von den risikoreichen, aber hochrentierlichen Finanzgeschäften – für die horrenden Verluste und die Folgen der Krise haften mussten sie kaum, das übernahm die öffentliche Hand. Der Ökonom und Theologe Manfred Stüttgen als Herausgeber des voluminösen Bandes „Ethik von Banken und Finanzen“ setzte lieber von Anfang an auf eine in diesem Fall positive Public-Private-Partnership bei dessen Finanzierung: Diese wurde von einer kirchlichen und einer universitären Einrichtung sowie von einer privaten Vermögensverwaltung getragen. Die Mehrzahl der etwa 30 Autoren hat beruflich in verschiedenartiger Weise mit dem Finanzsystem zu tun. Es ist aufschlussreich, inwiefern hier aus der Binnenperspektive Gedanken über ethische Fragen rund um Banken und Finanzen gebündelt werden. Einzelne Beiträge sollen nun vor dem Hintergrund des päpstlichen Lehrschreibens „Oeconomicae et pecuniariae quaestiones“ in den Blick genommen werden. In diesem Jahr veröffentlicht, ist es das bisher umfangreichste Dokument über die dienende Sendung der Finanzwirtschaft aus der Perspektive katholischer Soziallehre.

In manchen Beiträgen fällt die Nähe zu wirtschaftslibertärem Gedankengut und damit eine streckenweise zu einseitige Betrachtung der Finanzmärkte auf. Eines ist klar: Besonders seit der Krise gelten die Finanzmärkte in moralischer Hinsicht als notorisch verdächtig. Marktlibertäre Positionen sind wegen ihrer blinden Flecken fragwürdig, da sie verkennen, dass – mit Papst Franziskus gesprochen – Wirtschaft auch töten und damit insbesondere den Ärmsten weltweit schaden kann. Bei aller Berechtigung einer tiefen Skepsis, dürfen jedoch die positiven, weil wohlstandsschaffenden und -fördernden Funktion der Finanzwirtschaft sowohl für Gesellschaften als auch für die private Vermögensbildung des Einzelnen nicht übersehen werden.

Es ist ein Verdienst des Lehrschreibens „Oeconomicae et pecuniariae quaestiones“, die Möglichkeit eines „positiven Kreislaufs zwischen Profit und Solidarität“ und das grundsätzlich chancenträchtige Potenzial der Märkte für den weltweiten Wohlstand und Entwicklung aus christlich-sozialethischer Perspektive zu konturieren, ohne deren Schattenseiten dabei ungerügt zu lassen.

Vor dem Hintergrund bezeugt die kritische Selbstreflexion von Brancheninsidern wie vielen der Autoren, dass die moralische Sensibilität hier seither gewachsen und sicherlich eine Frucht der Krise ist.

Wer zu ganz unterschiedlichen Themenfeldern im Gesamtkomplex „Finanzwirtschaft“ entsprechend kritisch-konstruktive Beiträge sucht, wird in diesem Band fündig.

Manfred Stüttgen (Hg.): Ethik von Banken und Finanzen. Theologischer Verlag, Zürich 2017, ISBN: 978-3-290-22037, EUR 65,00.