Verzerrtes Bild

Wie Karl Marx Unternehmer gesehen hat. Von Ulrich Hemel

Karl-Marx-Büste
Ein großer Kopf? Ulrich Hemel sieht Karl Marx kritisch. Sein Unternehmerbild war einseitig. Foto: dpa

In einer Zeit mit erheblichem Sprengstoff aus sozialer Ungleichheit stoßen die Impulse von Karl Marx erneut auf öffentliche Aufmerksamkeit. Er kann sicher nicht für alle Fehlentwicklungen des Marxismus im 20. Jahrhundert verantwortlich gemacht werden, aber die Auseinandersetzung mit seinen Ideen lohnt sich bis heute. Aus dem Blickwinkel der Katholischen Soziallehre hat er insbesondere die kreative Kraft der Unternehmer übersehen. Im Gegenteil: Sie sind für ihn Ausbeuter aus dem Mehrwert der Arbeit. Leider gibt es diesen Mehrwert nicht immer. Es gibt sehr wohl Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die den Gegenwert zu ihrem Lohn nicht leisten. Und das Beispiel vom Glas Wasser in der Wüste zeigt anschaulich, dass in aller Regel die Knappheit eines Gutes den Preis bestimmt, nicht die in ihm geronnene Arbeit. Schließlich setzen sich auch Unternehmer für soziale Kohäsion, also eine Kopplung von wirtschaftlichem und sozialem Wohlstand ein. Ihre einseitige Betrachtung aus dem Blickwinkel der Ausbeutung wird der Realität vieler Unternehmen nicht gerecht.

Marx hat aber mit Recht einen Aspekt aus der Forderung nach Personalität herausgegriffen, der bis heute gilt: Jede Person soll vom Lohn ihrer Arbeit leben können. Papst Leo XIII hat dies in seiner Enzyklika „Rerum Novarum“ 1891 bekräftigt. Die Einrichtung des Mindestlohns zeigt, dass es in dieser Frage einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt. Zur Personalität gehört aber auch die Verantwortung, und zwar Verantwortung in Freiheit. Hier wiederum haben marxistische Ideen im 20. Jahrhundert viel Leid über Menschen gebracht, denn sie wurden oft unter Bedingungen verschärfter Unfreiheit realisiert. Und dies, obwohl Marx zumindest die Meinungs- und Pressefreiheit hoch geachtet hat. Auch das Prinzip der Solidarität wirkt auf den ersten Blick gut mit Marx vereinbar, wird doch ausdrücklich die internationale Solidarität der Arbeiterbewegung gefordert, auch über Landesgrenzen hinweg. Solidarität und Teilhabe sind explizit mit christlichen Werten vereinbar. Nur sieht er letztlich Solidarität als eine Art von gruppenbezogenem Egoismus der Arbeiterklasse, also in exklusiver und nicht inklusiver Form. Der betrieblichen Wirklichkeit wird dies nicht gerecht, weil Menschen im Betrieb mit gemeinsamen Zielen zusammenwirken sollen und müssen. Solidarität als gruppenbezogener Egoismus entspricht nicht dem christlichen Menschenbild, weil es hier um die Gemeinschaft aller Menschen geht. Christlich ist also eine inklusive, keine exklusive Solidarität. Den größten Schwachpunkt zeigt die marxistische Lehre bei der Subsidiarität. Denn die Balance zwischen zentraler und dezentraler Machtausübung ist ihm kein Anliegen. Er verschiebt die Macht vielmehr einseitig in Richtung einer Zentralgewalt, die für die Diktatur des Proletariats steht. Die früher mächtigen kommunistischen Parteien wie in der Sowjetunion oder in der DDR – und bis heute in China – sind hier historisch nachweisbare Beispiele. Eine solche zentralistische Auffassung ohne demokratische Gegengewichte muss heute als überholt gelten, weil sie zu einer autoritären Ansammlung von Macht führt. Freiheit wird dadurch eher behindert als gefördert.

Gerade der von Marx propagierte starke Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit verdeckt den entscheidenden Beitrag von Unternehmen und Unternehmern für die Umsetzung von Innovationen in einer offenen Gesellschaft. Bei Unternehmern gibt es wie in allen Lebensbereichen mehr oder weniger glaubwürdige Beispiele. In aller Regel tragen aber gerade Unternehmer durch ihre konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der Marktteilnehmer und an Innovationen sehr wohl zum Gemeinwohl bei. In den meisten Fällen fördern sie auch den sozialen Zusammenhalt, weil sie sich für die Kopplung von wirtschaftlichem und sozialem Wohlstand aktiv einsetzen.

An dieser Stelle geht es also nach wie vor darum, marxistische Ideen zu überwinden und sie realistisch einzuordnen: Als verständliche Reaktion gegen Ungerechtigkeit in der historischen Situation des 19. Jahrhunderts.

Der Autor ist Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU).