Kolumne

Karl Marx und das Menschenbild. Von Peter Schallenberg

Peter Schallenberg
Peter Schallenberg. Foto: privat

Die aktuelle sozialpolitische Diskussion dreht sich verstärkt um den uralten Begriff der Gerechtigkeit; der etwas jüngere Begriff der Solidarität folgt auf dem Fuß. Diskutiert wird wachsende Ungleichheit, nicht zuletzt auch in Deutschland. Muss man Gerechtigkeit und Solidarität neu definieren oder als vermeintlich gestrige Romantik in den Giftschrank des Gutmenschentums verbannen? Der 200. Geburtstag von Karl Marx in diesem Jahr wie auch die Erinnerung an sein „Kommunistisches Manifest“ aus dem Jahre 1848 bieten dazu Gelegenheit: Was bleibt von Karl Marx in Zeiten hochentwickelter Sozialstaaten?

Radikale Neubestimmung des Menschen

Das Elend der massiven Industrialisierung im 19. Jahrhundert lässt den revolutionären Schwung der Utopie von Gerechtigkeit und Solidarität, die in der Hoffnung des Christentums auf ein besseres Jenseits nur geschlummert hatte, neu aufleben. Karl Marx wählt in dieser Zeit den radikaleren Weg einer radikalen Neubestimmung von Mensch und Gesellschaft.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Schon in diesem programmatischen Satz aus dem „Kommunistischen Manifest“ wird deutlich: Die Menschheit als Kollektivwesen entwickelt sich über Generationen so, wie das Individuum durch seine Lebensstadien. Dabei werden in der durch Revolution herbeigeführten Utopie die unterschiedlichen Klassen ersetzt durch die eine einzige industrielle Klasse. Es ist die Gemeinschaft aller produktiv Tätigen. Alle Geschichte ist nach Marx Klassenkampf und zugleich Kampf der Individuen untereinander.

Deutlich schimmert die Deutung „homo homini lupus est“, die von Augustinus inspirierte Überzeugung des Thomas Hobbes durch, der Mensch nach Kain und Abel sei dem Mitmenschen Wolf. Dem politischen Liberalismus der damaligen Zeit ist die Folgerung bei Karl Marx entgegengesetzt: Nicht die Entfesselung der freien Kräfte und Interessen des Individuums, sondern die Fesselung durch einen radikal neuen Gesellschaftsvertrag im Zeichen absoluter Gleichheit aller Menschen ist das Ziel. Der Mensch ist rettungslos Wolf und muss gebändigt werden durch die Gesellschaft.

Staat und Gesellschaft werden nicht mehr wie bei Augustinus als Abbild der Gesellschaft Gottes, der „civitas Dei“, der Gemeinschaft der Liebe gesehen, sondern als friedlicher Freiheitsraum miteinander konkurrierender Individuen. Diese kopernikanische Wende innerhalb der bürgerlichen Ethik der Selbsterhaltung und der Überlebensstrategien steht auch Pate bei der Geburt des modernen Kapitalismus. Es entsteht eine verkürzte Sicht des Menschen, der nicht mehr als Verkörperung eines unsichtbaren Ideals oder des Gottesebenbildes, sondern als Funktionär im Überlebensprozess erscheint. Auch Karl Marx verbleibt grundsätzlich auf dem Boden dieses Menschenbildes: Nach Abschaffung der Ausbeutung verbleibt nur die Arbeit als Sinn und Form des Menschen. Es verbleibt die Utopie gleicher und gerechter Bedürfnisbefriedigung, ohne dass deutlich würde, ob es mehr als das Bedürfnis nach langem und gesundem Überleben geben könnte. Die Arbeit ist dem Menschen der endgültige Wolf, aber ein hinreichend handzahmer Wolf.

Schließlich ist aber der Mensch auch ein ständiger Konkurrent, und auch das ist zuletzt das Erbe des Bruderzwistes von Kain und Abel. Der klassische Gegensatz von Gemeinschaft und Freiheit soll in der revolutionär herbeigeführten Utopie einer klassenlosen Gesellschaft neu einander zugeordnet werden. Die Lösung erblickt Karl Marx in der Abschaffung des Privateigentums und der Umwälzung der Produktionsweise. Übrig bleibt der nicht mehr private, sondern der beraubte, der auf die Grundbedürfnisse reduzierte Mensch. Es bleibt nur die revolutionäre Flucht zur Utopie. Auch 200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx und 170 Jahre nach dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ bleibt die alte Menschheitsfrage nach der Zuordnung von Paradies und Utopie, nach dem machbaren Glück und der nur erhofften Glückseligkeit. Alles entscheidet sich am Menschenbild: Der Mensch erfährt sich als Mängelwesen und darin zugleich als Wesen der Sehnsucht nach dem Wiedergewinn des geglückten und doch verlorenen Anfangs. Der christliche Name für den Inhalt dieses Glücks heißt schlicht und einfach Gott; sozialethisch übersetzt wird er zur Gerechtigkeit.

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle und Mönchengladbach und lehrt Moraltheologie an der Theologischen Hochschule Paderborn. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach.