Kolumne: Neue Zeiten, alte Denkmuster – die EU und ihre Beziehungen

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass hinter den uns liebgewordenen „Kolonialwaren“ Menschen stehen. Von Hildegard Hagemann

Hildegard Hagemann. Foto: privat
Hildegard Hagemann. Foto: privat

Oktober ist Erntedankzeit und gerne schauen wir in den Gotteshäusern auf die liebevoll ausgestellten einheimischen Feldfrüchte, die uns den Reichtum der Erde und unseren Wohlstand vor Augen führen. Mit vollem Herzen können wir dafür danken. Doch gibt es neben den einheimischen Erzeugnissen sehr viele Nahrungsmittel, die wir tagtäglich konsumieren, die aber nicht auf unseren Feldern wachsen: Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, Gewürze, Pfeffer, Vanille – um nur einige dieser „Kolonialwaren“ zu nennen.

Die Kolonialzeit ist – Gott sei Dank – vorbei, doch die heute unabhängigen Staaten in Afrika, in der Karibik und im Pazifik (AKP) stehen noch in enger wirtschaftlicher und politischer – auch kultureller- Beziehung mit den früheren europäischen Kolonialmächten. Nach Gründung der Europäischen Union wurden diese Beziehungen durch multilaterale Handels- und Entwicklungsabkommen gestaltet, wobei das momentan gültige, nach dem Ort der Unterzeichnung benannte, Cotonu-Partnerschaftsabkommen (CPA) im Jahr 2020 ausläuft. Die Pfeiler des CPA, das im Jahr 2000 geschlossen wurde, sind der politische Dialog, die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen und die Entwicklungszusammenarbeit. Auch nach 20 Jahren Laufzeit sind diese Pfeiler nicht veraltet oder überflüssig. Entsprechend beginnen nun die Überlegungen, wie sich die Beziehungen zwischen den 78 AKP-Ländern und den 27 EU-Ländern in Zukunft gestalten lassen. Die Verhandlungen zu einem Folgeabkommen haben begonnen.

Die Erwartungen der AKP-Gruppe liegen nach wie vor auf der notwendigen entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Sie sehen die EU zu Recht in der Verantwortung angesichts der bestehenden wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen den Verhandlungspartnern, hoher Armutsraten mit demographischen Herausforderungen in den eigenen Ländern und die Gefährdung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten durch inkohärente Weltwirtschaftspolitik und den Klimawandel.

Die EU steht tatsächlich in der Verantwortung, doch keinesfalls dürfen alte koloniale Denkmuster dadurch bekräftigt werden. So stand während der Laufzeit des CPA vor allem der Partnerschaftsbegriff immer wieder auf dem Prüfstand. Der politische Dialog zu Themen wie Demokratie, Regierungsführung und Migration führte zu Vorwürfen, dass Entwicklungszusammenarbeit vom Wohlverhalten der AKP-Länder abhängig gemacht wird.

Eine Partnerschaft ist eine Begegnung auf Augenhöhe, geprägt von gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Nicht Abhängigkeit voneinander, sondern Solidarität sollte das Gefüge bestimmen. Eigene Interessen müssen ausgesprochen und transparent werden, so dass Kompromisse gefunden werden können. Verhandlungen dürfen nicht hinter geschlossenen Türen geführt werden, damit sich Bürgerinnen und Bürger informieren und sich einbringen können.

Auch wir Konsumentinnen und Konsumenten in der EU sollten uns für die Beziehungen zwischen der EU und den AKP-Ländern interessieren. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass hinter den uns liebgewordenen „Kolonialwaren“ Menschen stehen, die die gleichen Rechte auf ein gutes Leben und eine Zukunft in Wohlstand, sozialer Gerechtigkeit und Frieden haben wie wir. Wir können Partnerschaft leben, wenn wir beim Einkauf auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen und nachhaltiges Wirtschaften achten.

Die Autorin ist Referentin der Deutschen Kommission Justitia et Pax.

Die Kolumne erscheint in Kooperation der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.