Kolumne: Bern und Minsk

Bern und Minsk. Von Peter Schallenberg

kolumne: Bern und Minsk
Der Autor ist Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn. Er leitet die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle, die diese Kolumne organisiert.

In den Tagen nach Pfingsten war ich bei befreundeten Kapuzinern in Minsk, der Hauptstadt von Weißrußland, wo die Malteser im Erzbistum Paderborn den Bau der neuen Kapuzinerkirche mit dazugehörigem Kloster und Sozialzentrum unterstützen, mitten in einem riesigen Neubaugebiet von Hochhäusern. Insgesamt werden dort einmal über 100 000 Menschen wohnen, darunter circa 15 000 Katholiken. Die Kapuziner, die die Hl. Messe im Rohbau der Kirche feiern, gehen von Wohnung zu Wohnung und fragen, wer denn wohl katholisch sei oder es werden möchte. Mission live!

In jenen Tagen hielt ich dort im Rohbau der Kirche einige Vorträge zur Soziallehre der Kirche und zur sozialen Marktwirtschaft. Die Kapuziner wollen nämlich nicht nur soziale Hilfe leisten, sondern auch Bildung anbieten und so die Menschen mündig machen für Demokratie und Marktwirtschaft. Viel diskutierten wir über die Ängste und Sorgen der Menschen, die im Staat von Lukaschenka recht gut leben und doch Anschluss an Europa suchen.

Einer fragte mich eines Abends nach einem Vortrag: Was ist der beste Staat der Welt? Und bevor ich zögern und antworten konnte, rief ein anderer unter dem zustimmenden Gelächter der Zuhörer: Die Schweiz natürlich! Da musste ich auch lachen, einmal, weil es wohl richtig ist, ein zweites Mal wegen der simplen Frage. Aber der Fragesteller hatte ja recht: Außerhalb des Paradieses ist alles mehr oder minder mangelhaft, von Erbsünde durchtränkt, mühsam die Anarchie des Brudermörders Kain eindämmend. Und doch: Es gibt auch außerhalb des Paradieses und auf dem Weg zur vollkommenen Ewigkeit große Unterschiede der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit. Die Schweiz ist noch besser als die USA und allemal besser als China! Was trägt dazu bei? Subsidiarität als Verantwortung der Familien und der Gemeinden, Verhinderung der Korruption, unterschiedliche Parteien und freie Wahlen mit echten Alternativen, gute Schulbildung und Universitäten, Wettbewerb und Abwehr von Kartellen und Oligarchie, gute Gesundheitsversorgung, guter Strafvollzug und keine Todesstrafe.

Von Minsk nach Bern ist ein weiter Weg und noch weiter der Weg von Minsk und von Bern bis hin zum Vaterhaus des verlorenen Sohnes. Verloren bei den Schweinchen der Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit und Menschenverachtung sind wir alle, jenseits von Eden. Aber es gibt Unterschiede der Gerechtigkeit und der Achtung der Menschenwürde. Und die Kapuziner in Minsk tragen ihren guten Teil dazu bei, dass der Weg von Minsk nach Europa und damit zur Ewigkeit Gottes immer etwas kürzer wird. Übrigens tragen sie dazu erst in zweiter Linie durch Vorträge und Bildung bei. In allererster Linie durch die tägliche Feier der Hl. Messe, durch die Spendung der Sakramente und durch das tägliche Breviergebet mit und ohne Beteiligung der Leute. Denn die Sakramente, so sagte mir einer der Kapuziner zum Abschied, sind doch wohl das Fundament unserer gesamten sozialen Arbeit: Weg von den Schweinen, hin zu den Menschen und zu Gott!

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Der Autor ist Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn. Er leitet die Katholische Sozialwiss...