Gastkommentar

Sie bieten der Diktatur die Stirn

Der Friedensnobelpreisträger haben die Auszeichnung verdient.
Menschenrechtsorganisation Memorial galt über viele Jahre als die bedeutendste in Russland
Foto: Dmitry Serebryakov (AP) | Die Menschenrechtsorganisation Memorial galt über viele Jahre als die bedeutendste in Russland. Ihre Auslösung demaskiert das System Putin.

Zivilgesellschaftliche Organisationen übernehmen die wichtige Aufgabe, den Mächtigen zu sagen, was sie am wenigsten hören wollen. Regelmäßig versuchen die Mächtigen darum, diese Organisationen schlecht zu reden, zu drangsalieren und am Ende zu verbieten. Vor allem in autoritären Staaten sind Widerspruch und kritische Fragen unerwünscht. Wer sich exponiert, um Missstände anzuprangern oder die vom Machtapparat verzerrte Geschichtsdeutung zu berichtigen, macht sich schnell zur Zielscheibe von Repressionen. Unter solchen Umständen und in vollem Bewusstsein der möglichen Konsequenzen die Wahrheit zu sagen, erfordert besonderen Mut.

Kontakt zur schmerzhaften Realität

Solchen Mut hat das Nobelpreis-Komitee in Stockholm dieses Jahr ausgezeichnet. Die Menschenrechtsorganisation Memorial galt über viele Jahre als die bedeutendste in Russland. Memorial hat sich besonders um die Aufarbeitung der Stalin-Diktatur und des sowjetischen Gulag-Systems verdient gemacht, später dann die brutalen Kriege in Tschetschenien kritisiert. Bereits seit Jahren hatte sie mit Repressalien zu kämpfen, wurde als „ausländischer Agent“ gebrandmarkt. Ende 2021, als in Moskau wohl schon die Vorbereitungen für die Invasion in die Ukraine liefen, wurde sie verboten. Die Führungsriege ging ins Exil.
Ales Bjaljazki, der ebenfalls ausgezeichnete Menschenrechtsanwalt aus Belarus, verbrachte Jahre im Straflager und sitzt auch jetzt in Haft.

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Dieses Vorgehen ist typisch für Diktaturen in aller Welt. Darum ist es wichtig, dass der Nobelpreis in diesem Jahr an zivilgesellschaftliche Akteure ging. Denn sie sind es, die ihre Gesellschaften in Kontakt zur schmerzhaften Realität halten. Die den Resignierten Mut geben und aufzeigen, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Die den Grundstein für Reformen legen, für ein Leben nach der Diktatur.
Regina Sonk.


Die Autorin ist Mitarbeiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

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Regina Sonk

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