Sehnsucht nach einem Fixpunkt

Die Renaissance des Heimatbegriffes hat politische Folgen – In Bayern und NRW gibt es sogar „Heimatministerien“. Von Martin Unger
Patronatstag der Bayerischen Gebirgsschützen
Foto: KNA | Zur Heimat gehört auch Brauchtum – zum Beispiel bei den Gebirgsschützen.

Der Verdruss über die geplatzten Jamaika-Sondierungen hat sich gelegt. Spannend bleibt jedoch die Debatte über einen Begriff, der als mögliche Klammer eines schwarz-grün-gelben Bündnisses gehandelt wurde: Heimat. Die Grünen diskutieren darüber mit einer Leidenschaft, die viele der Partei gar nicht mehr zugetraut haben. Alt-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) mahnte jüngst im Magazin Cicero: „Themen wie Heimat und Überfremdungsängste sollten nicht rechten Kreisen überlassen werden.“ Und die Union hat den Begriff wiederentdeckt wie ein Buch, das ungenutzt im Regal verstaubte. Gut möglich, dass er auch von einer möglichen großen Koalition aufgegriffen wird. Jedenfalls setzte sich bisher vor allem die Union für die Einrichtung eines neuen Heimatministeriums auf Bundesebene ein.

Akzente in der Heimatpolitik

Vorbilder könnten die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen sein, wo es bereits Heimatministerien gibt, jedoch verschiedene Akzente gesetzt werden. In Bayern ist Markus Söder Heimatminister, der zugleich auch für Finanzen die Verantwortung trägt. Zwischen Main und Inn wird Heimatpolitik vor allem als Modernisierungsprogramm für den ländlichen Raum verstanden, während in Nordrhein-Westfalen ein breiterer Heimatbegriff als Grundlage für politisches Handeln dienen soll. An Rhein, Ruhr und Weser wird Heimat mit den Bereichen Kommunales, Bauen und Gleichstellung verknüpft, also in Verbindung mit Hilfen für die Kommunen, als „gebaute“ Heimat und als Antwort auf die mitunter unterschiedliche Sicht beider Geschlechter auf Heimat.

In der Heimatpolitik können die Ansätze und Wege also sehr verschiedenen sein. Fest steht: Das Thema brennt vielen unter den Nägeln. Es scheint fast so, als käme Heidegger zu späten Ehren. Der Philosoph hatte einst festgestellt: Ohne Heimat leide der Mensch an einer „Seinsvergessenheit“, die ihn in eine tiefe Krise stürze.

Als Suchbegriff bei Google liefert das Wort „Heimat“ mehr als 45 Mio. Treffer. Es ist Thema unzähliger Bücher – Belletristik ebenso wie Sachbücher. Es ist Thema vieler Filme (etwa der Trilogie „Heimat“ von Edgar Reitz, die im Hunsrück spielt, und zwischen 1981 und 2006 gedreht wurde). Ebenso boomen Produkte aus der Heimat. Kaum ein Supermarktprospekt, der nicht mit Waren aus der Region wirbt. Man denke an die TV-Werbung einer großen Einzelhandelskette, die Milchkühe und eine Schafherde in den Supermarkt laufen lässt, um lokale Verwurzelung zu demonstrieren. Klar, dass sich Verkäufer und Schäfer kennen und in Mundart miteinander reden. Immer mehr Restaurants bieten Gerichte mit heimischen Zutaten. TV-Koch Tim Mälzer gab ein Kochbuch mit dem schlichten Titel „Heimat“ heraus. Heimatgeschäfte, Heimatagenturen werden gegründet.

Wer Aktualität und Relevanz des Themas Heimat immer noch bezweifelt, möge sich fragen, warum das Magazin „Landlust“ mit einer Auflage von 987 000 Exemplaren im Jahr 2016 zu den Top-Sellern in der Zeitschriften-Sparte zählt – völlig losgelöst vom allgemeinen Auflagenrückgang in der Branche. Offenbar bietet ein Heft über das Landleben und die Natur fern anonymer Städte und digitaler Welten etwas an, was nachgefragt wird: einen Sehnsuchtsort namens „Heimat“. Die Geborgenheit und Verlässlichkeit im Kleinen, im überschaubaren Raum erfährt angesichts einer unübersichtlichen (und oft auch riskanten) Welt offenbar eine neue Bewertung.

„Heimat“ als Fixpunkt im Leben ist für viele offenbar nicht mehr selbstverständlich – angesichts wachsender Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und vernetztem Denken jenseits vertrauter Bezüge, angesichts zunehmender Globalisierung und Technisierung, die viele neue Möglichkeiten bieten, zugleich aber auch Entwurzelung und Orientierungslosigkeit Vorschub leisten können. Nicht alle Menschen kommen damit problemlos klar. Nicht alle können sich wohl fühlen auf der Überholspur des Lebens, vielleicht auch Weltbürger sein mit mehr als nur einer Heimat. Viele würden lieber öfter mal innehalten, vor allem dann, wenn Überforderung droht. Denn die Menschen sind weitgehend so geblieben, wie sie immer waren, mit all ihren Stärken und Grenzen. Und zum Menschsein gehört, dass viele mit Wandel, Unsicherheit und steter Beschleunigung nicht so gut umgehen können.

Das Comeback von Heimat zeigt: In einer globalen und digitalisierten Welt brauchen die allermeisten einen analogen Ort, an dem sie sich wirklich heimisch fühlen. Darum sehnen sie sich nach Bezügen und Beziehungen, die uns Heimat sein können, die Geborgenheit schenken als sicherer Ankerplatz im Leben. Je schnelllebiger die Zeit wird, umso mehr schätzen offenbar viele ihre Heimat. Und je globaler und unübersichtlicher die Welt wird, desto lokaler fühlen sich viele Menschen.

Genau diese Sehnsucht ist wohl der Grund, warum das Thema „Heimat“ derzeit ein Comeback feiert.

Ein politisches Geschäftsmodell

Während jetzt viele „Heimat“ für sich entdecken, haben andere sie längst zu einem politischen Geschäftsmodell gemacht – im rechten wie im linken Spektrum. Man denke an die Erfolge der AfD, die ihren Wählern verspricht, ihre Heimat für sie zurückzuerobern. Man denke an die Linke in den ostdeutschen Bundesländern, die sich nach der Wende vielerorts als Kümmerin etabliert hat, und den Bewohnern mancher Plattenbauten so das Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit wiedergegeben hat. Alle bisherigen Erfahrungen auf dem Gebiet der Heimatpolitik zeigen: Angebote zu machen, die Identität stiften können, ist eine große Herausforderung. Zunächst müssen die Essentials stimmen. Dazu gehören Angebote der Daseinsversorgung – des täglichen Lebens, des Wohnens. Ebenso der Bildung und Gesundheit, Freizeit- und Kulturangebote, sowie Schutz und Sicherheit, eine intakte natürliche Umwelt und Pflege der öffentlichen Bausubstanz. Sie sind es, an denen sich das im Grundgesetz verankerte Gebot gleichwertiger Lebensverhältnisse entscheidet.

Überdies ist „Heimat“ ein sehr individuelles Gefühl, das durch ein komplexes Gefüge an äußeren Einflüssen, persönlichen Erfahrungen und Empfindungen bestimmt wird. Die einen sagen, Heimat sei da, wo Familie, Freunde, die Pfarrei, der Verein ist. Doch auch das Fitnessstudio kann es heute sein, die Kneipe oder der Konzertsaal. Fest steht: „Heimat“ kann nicht von oben verordnet werden. Wo es gelingt, Heimat zu stiften, profitieren alle: Jede und jeder Einzelne vor Ort, der gesellschaftliche Zusammenhalt und nicht zuletzt auch das Ansehen der Politik. Heimatpolitik kann so auch zu einer Brücke werden zwischen dem Einzelnen und einer als abgehoben erscheinenden Politik.

Entspricht dem Subsidiaritätsprinzip

Klar ist auch, dass Menschen ein besseres Leben führen, wenn sie vor Ort gemeinsam die Verhältnisse mitgestalten – ganz im Sinne des Subsidiaritätsprinzips der christlichen Gesellschaftslehre. So kann ein Heimatgefühl entstehen, das Ansporn ist, sich immer wieder neu für die eigene Heimat einzusetzen. Und: Heimat ist ein ur-christliches Thema, in das sich die Kirchen mit ihren Erfahrungen einbringen könnten.

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