Schwarmintelligente Doppelstandards II

Oder: Steter Tropfen höhlt den Stein. Die konkreteren Fragen. Von Josef Bordat
Zehn Jahre Wikipedia
Foto: dpa | Das Versagen der Schwarmintelligenz am Beispiel des Berlin-Artikels macht Josef Bordat deutlich.

Wie bereits in der Ausgabe vom 19. Juli 2018 festgestellt: Es lohnt sich, bei der Wikipedia genauer hinzuschauen. Dann finden wir auch ganz konkrete Beispiele für Doppelstandards und das Versagen der Schwarmintelligenz.

Da ist zum einen der „Berlin“-Artikel. Im Abschnitt „Religionen und Weltanschauungen“ findet sich zunächst ein Lobgesang auf die Humanisten. Tenor: Die tun was, erreichen die Jugend, haben Zulauf, sind die Zukunft. Über die beiden großen christlichen Kirchen, denen sich immerhin mehr als jeder Vierte in Berlin zugehörig fühlt, erfährt man vor allem dies: „Das Land Berlin zahlt der evangelischen Kirche jährlich 8 146 910 Euro und der römisch-katholischen Kirche 2 860 000 Euro Staatsdotationen (Stand: 2009).“ Steht dort. Einfach so.

Einfach so? Nun, ja. Fest steht: Es sieht für den unbedarften Wikipedia-Nutzer so aus (und genau das soll es vielleicht auch), als stopften sich die bedeutungslosen Kirchen Berlins die Taschen mit Staatsknete voll, während die einzig wirklich vitale Weltanschauung, der organisierte Humanismus, leer ausgeht. Denn ein Hinweis darauf, was denn die kurz zuvor genannten Humanistischen Verbände und Vereinigungen vom Land Berlin erhalten, fehlt gänzlich. Dabei wäre das leicht zu recherchieren und sicherlich auch – der Ausgewogenheit wegen – ganz interessant. Aber es würde natürlich die Legende, allein die Kirchen profitierten vom Staat, ganz schnell als das entlarven, was sie ist: eine Legende.

Es wäre vielleicht nicht völlig uninteressant zu erfahren, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg zwischen 2011 und 2016 insgesamt über neun Millionen Euro allein für die Durchführung seines außerschulischen Lebenskundeunterrichts (nicht zu verwechseln mit dem Pflichtfach Ethik) erhalten hat, im Schnitt jährlich 1,5 Millionen Euro. Vom Land Berlin. Kein schwarmintelligentes Wort darüber. Ebenso kein Wort darüber, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg sein 50-Millionen-Euro-Jahresbudget zu gut 80 Prozent von der öffentlichen Hand bezahlt bekommt (nicht nur vom Land Berlin freilich, sondern auch vom Land Brandenburg, den Kommunen, dem Bund und der EU). Dagegen sind die elf Millionen Euro für die beiden Kirchen kaum der Rede wert.

Interessant auch, dass hier der (noch relativ hohe) Wert von 2009 genommen wird, obwohl wir schon im Jahr 2018 sind, während sonst jedes Datum schnellstens aktualisiert wird. Wenn es ins ideologisch gefärbte Bild passt. So, wie die Teilnehmerzahl am humanistischen Lebenskundeunterricht, die seit Jahren steigt. Da nimmt die Wikipedia gerne die aktuellsten Zahlen aus 2017. Die Staatsleistungen an die Kirchen Berlins sinken hingegen seit Jahren. Zwischen 2010 und 2015 waren es aus dem Land Berlin jährlich durchschnittlich nur noch 10,5 Millionen Euro. Noch cleverer wäre es allerdings, Werte aus der Mitte der 1990er Jahren zu nennen, als die Dotationen in Berlin noch bei über zwölf Millionen Euro lagen. Gleichzeitig stiegen die Zuschüsse für den Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg von 1,36 (2011) auf 1,81 Millionen Euro (2016). Könnte man, schwarmintelligent wie man ist, als Trend durchaus ernst nehmen. Tut man aber nicht. Passt nicht.

Und da ist zum anderen der Abschnitt „Christenverfolgung im Nationalsozialismus“ des Artikels „Christenverfolgung“. Er eröffnet mit der forschen Behauptung, eine „systematische Christenverfolgung“ habe es „in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) nicht gegeben“. Das überrascht. Der Punkt ist wohl der, dass „systematisch“ etwas anderes ist als „flächendeckend“. Nicht alle Christen wurden – wie alle Juden – verfolgt, verhaftet und ermordet. Das wäre bei rund 95 Prozent Christen-Anteil in Europa Mitte des 20. Jahrhunderts auch nicht so einfach gewesen. Dennoch gab es ohne jeden Zweifel eine systematische Verfolgung aller Christen, die sich Hitler in den Weg stellten – weil und soweit sie ihren Glauben nicht mit der NS-Ideologie in Einklang bringen konnten. Das geht hier völlig unter. Vielleicht ja auch, weil der christliche Widerstand vor allem katholisch war.

Die zunehmende Diskreditierung des Katholizismus in der NS-Zeit – Schmutzkampagnen gegen die Jesuiten, haltlose Missbrauchsvorwürfe und Himmlers private Hexenforschung – fand in vielen Stürmer-Karikaturen Ausdruck und führte sogar zu Solidaritätsbekundungen aus der unverdächtigen sozialistischen Ecke: In der Sonderausgabe „Juden im III. Reich“ der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (Prag 1936) wurde auch der Antikatholizismus der Nazis getadelt. Dies zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Kirche den neuen Machthabern unbequem war. Besonders die „sturen“ Westfalen, die Gläubigen im Bistum Münster unter Bischof August Clemens Graf von Galen, stellten ein Problem für das Nazi-Regime dar. Der Protest gegen das Euthanasieprogramm, die sogenannte Aktion T4, führte zu einer zeitweiligen Einstellung der Morde an behinderten und chronisch kranken Menschen. Hitler persönlich ließ aus den Anklageschriften gegen die vier Lübecker Märtyrer (die katholischen Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl-Friedrich Stellbrink) jeglichen Bezug auf von Galen und die Verbreitung seiner Predigten streichen, aus Furcht vor Protesten. Dass von Galen nicht ins KZ kam, wertet Wikipedia hingegen als Beleg für den mangelnden Verfolgungswillen der Nazis und stellt das in einen direkten Zusammenhang mit dem Konkordat, das dem politischen Katholizismus (etwa der Zentrumspartei) längst ein Ende bereitet hatte, für Wikipedia aber so etwas wie die normative Grundlage eines „Kuschelkurses“ der Nazis gegenüber der Kirche bedeutete, als dessen Ausdruck dann das (so suggeriert Wikipedia) unbehelligte Wirken von Galens in den Artikelabschnitt eingeführt wird: Dieser habe die Aktion T4 bremsen können und „blieb dennoch im Amt“. Fakt ist: Im Nationalsozialismus war die Katholische Kirche in Deutschland Opfer von Verfolgung. Mehrere tausend Priester und Ordensleute waren ab 1933 in Konzentrationslager verschleppt worden; die meisten nach Dachau. 95 Prozent der in Dachau inhaftierten Geistlichen waren katholisch. Die Verfolgung war zwar nicht flächendeckend und betraf auch nicht die Kirche als Institution, doch in der Tat hatte das Regime vor, nach einem gewonnenen Krieg und der Ausrottung der Juden als nächstes die Kirche zu vernichten. Das belegen zahlreiche Dokumente, von denen auch Wikipedia spricht, ohne sie korrekt zu kontextualisieren. Noch ein „Bonbon“ zu Schluss: Bei biografischen Artikeln geht die Wikipedia gerne über die Religiosität Prominenter hinweg (Privatsache!), auch dann, wenn der Glaube ihr Leben und Werk nachhaltig beeinflusst, bei „religionskritischen“ Menschen greift sie diesbezüglich nach jedem Zipfelchen Unglauben, auch, wenn dieser mit dem Artikelgegenstand, also Leben und Werk der Person, erkennbar nichts zu tun hat. Wenn sich die bekannte Person nur hinreichend kritisch zu „Kirche und Religion“ geäußert hat, dann passt eine entsprechende Bemerkung auch in jede Zehn-Zeilen-Biografie. So, wie im Fall der österreichischen Biochemikerin Renée Schroeder. Ferner werden dann in der Schroeder-Biografie zu „Kirche“ und „Religion“ gar nicht erst die zugehörigen Artikel verlinkt, sondern gleich die Einträge „Kirchenkritik“ und „Religionskritik“. Man soll sich schließlich gar nicht erst mit der Sache selbst befassen, sondern gleich das tun, was Wikipedia verlangt: Kritik an der Sache üben. Vorausgesetzt, es geht dabei um „Kirche und Religion“.

Themen & Autoren
Bistum Münster Christenverfolgung Eduard Müller Evangelische Kirche Hermann Lange Juden Karl Friedrich Katholizismus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Nationalsozialismus Nationalsozialisten Römisch-katholische Kirche

Weitere Artikel

Seit über zehn Jahren geraten die unzähligen Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche nicht aus den Schlagzeilen.
30.12.2022, 19 Uhr
Oliver Gierens

Kirche

Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung
Die Laieninitiative entlarvt Bätzings Reaktion auf die römische Anordnung als strategischen Trick und plädiert für einen sofortigen Stopp des Synodalen Ausschusses.
26.01.2023, 14 Uhr
Meldung
Patriarch Bartholomaios attackiert das Moskauer Patriarchat und ruft die orthodoxen Kirchen weltweit zur Anerkennung der ukrainischen Autokephalie auf.
26.01.2023, 08 Uhr
Meldung
1918 ernannte Papst Benedikt XV. Matulaitis zum Bischof der litauischen Hauptstadt Vilnius.
26.01.2023, 21 Uhr
Claudia Kock
Der Synodale Weg sei weder „hilfreich noch seriös“, erklärt der Papst in einem Interview. Er äußert sich auch zu Homosexualität, dem verstorbenen Emeritus und seinem Gesundheitszustand.
25.01.2023, 14 Uhr
Meldung