Russland

Putins Pakt mit der Unterwelt

Herrschen mit Gewalt. Der russische Präsident steht mit seinem Gewaltregime in einer jahrhundertealten Tradition.
Gulag
Foto: dpa | Das System des Gulags steht stellvertretend für die russische Gewaltgeschichte. Hier sieht man den Stacheldraht und einen Bretterzaun des Straflagers Perm 36, in dem bis 1989 in der Sowjetunion Dissidenten inhaftiert ...

Die  tiefe Verwurzelung von Brutalität, Lüge und Zynismus in der russischen Gesellschaft und ihrem Imperium ist nicht ohne einen Blick in die russische Geschichte zu verstehen. Sie ist von einem Prozess der Verrohung von Körper und Geist geprägt, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen. Das hat sich nicht nur, aber vor allem im 20. Jahrhundert gezeigt.

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Der Gulag

Die „extreme Barbarei“ ist Teil der langen russischen Geschichte. Bereits im September 1918 richteten die Bolschewiki während des Bürgerkrieges die ersten Lager ein, für die die im Jahr zuvor von Lenin gegründete und von Felix Dserschinski geleitete Tscheka verantwortlich war, und in denen Menschen aus „gefährlichen Kategorien“ interniert wurden. Ende 1920 gab es bereits mehr als 100 dieser Lager mit insgesamt etwa 100 000 Insassen. Bald wurde das SLON, das „Solowezker Lager zur besonderen Verwendung“ in einem Klosterkomplex im Nordmeer, zum blutigen Versuchslabor und Prototyp des Gulags. In Solowki wurde ein Pakt zwischen „den Machtorganen“ und der Welt des Verbrechens geschlossen, der immer noch und mehr denn je aktuell ist.

Behörden und die Unterwelt

Warlam Schalamow, der große Schriftsteller des Gulag, berichtete zusammen mit Alexander Solschenizyn über diese perverse Allianz. Schalamov beschreibt, wie es seit 1938 einen fast offiziellen „Pakt“ zwischen den Behörden und der Unterwelt gab und wie Verbrecher zu „Volksfreunden“ erklärt wurden. Es wurde ausdrücklich von ihnen verlangt, bei der „Vernichtung dieser Leute“ zu helfen. Auch heute rekrutieren etwa die Wagner-Milizen in den russischen Gefängnissen Männer, um an der „Entnazifizierung“ der Ukraine mitzuwirken.

Dieser Pakt zwischen der Unterwelt und den „Staatsorganen“ spielte auch eine herausragende Rolle, nachdem die Kommunistische Partei nach dem gescheiterten Putsch in Moskau im August 1991 die politische Kontrolle über das Land verloren hatte. Die Gangster übernahmen mit den „Neureichen“ und „KGBisten“ das Land. Die russische Justiz, die der Korruption, aber auch Drohungen ausgesetzt ist, wurde damals weitgehend zugunsten der neuen Herren des Landes instrumentalisiert. Staatliche Macht und die Unterwelt erkannten ihre gemeinsamen Wurzeln und Interessen. Es ist eine gemeinsame Kultur, ein System, in dem rohe Gewalt, Lebensverachtung und schließlich eine seltsame Vorstellung von Ordnung vorherrschen.

KGB und Kriminelle

Das Vokabular, das Putin gerade jetzt im Krieg bewusst einsetzt, um zu schockieren, um zu zeigen, dass er der Chef ist, stammt direkt aus den Gulag-Lagern und der Unterwelt. Die Männer der politischen Polizei, des späteren KGB, wurden bei ihrem Kontakt mit der Unterwelt selbst kontaminiert. Sie sollten eigentlich die Ganoven umerziehen, aber die Ganoven haben die KGBisten, zu denen Putin gehört, umerzogen. Auf diese Weise hat sich die Gesellschaft in gewisser Weise selbst kriminalisiert. Ganze gesellschaftliche Gruppen haben sich die Regeln der Mafia angeeignet und von ihnen einen Lebensstil, eine „Moral“ sui generis und eine Hierarchie übernommen, die aus „Paten“ besteht, die über ihre Schützlinge herrschen.

Mehr als 25 Millionen Russen - einer von sechs Erwachsenen – haben das erst 1985 endgültig beendete System der Lager oder Deportation erlebt. Ihnen wurden die Codes der Unterwerfung, der Fügsamkeit, der Angst, der Feigheit und der Resignation eingetrichtert. So haben sich aufgrund der Traumata, die aus der erlittenen Gewalt resultieren, Formen von Angst, Panik und psychologischen Verwerfungen verfestigt, die in Paranoia umschlagen können. Es wurde ein Stil der sozialen Beziehungen weitergegeben, der auf dem Recht des Stärkeren, der erzwungenen Bewunderung der Anführer, der Verachtung der Schwachen und der Frauen beruht.

Tief sitzende Traumata wirken weiter

Die Sowjetarmee verinnerlichte diese Traumata, und man dachte nie daran, sie zu heilen: Sie verbreitete perverse Methoden, um die Rekruten in eine Kultur der Gewalt und Erniedrigung einzuführen. Die verheerenden Auswirkungen dieser „Diedowschtschina“ genannten Kultur, denen die jungen Wehrpflichtigen ausgesetzt sind, sind bis heute in der russischen Armee weit verbreitet. Der zehnjährige Krieg in Afghanistan bis 1989 und die beiden grausam geführten Tschetschenienkriege (Dezember 1994- August 1996 und 1999-2009) brachten neue Traumata mit sich, von denen Anna Politkowskaja sagte, dass sie ein regelrechtes Krebsgeschwür in der gesamten russischen Gesellschaft bildeten.

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Und schließlich kommt in engem Zusammenhang mit dem oben Gesagten, der Alkoholismus als Faktor hinzu, der in der Sowjetunion das Ausmaß einer echten nationalen Geißel angenommen hat und bis heute dafür sorgt, dass die Lebenserwartung von Männern um zehn Jahre geringer ausfällt als im übrigen Europa. Der Alkoholkonsum ist eng mit den vielfältigen Folgen des Gulag und den Kriegstraumata verbunden. Die Armee und die Lager fungierten als Orte der Einführung in eine Trinkkultur, die eine alte Vorgeschichte hat. Alkohol wurde ein unverzichtbarer Begleiter, nicht nur um Einsamkeit und Langeweile zu ertragen, sondern auch um die tiefe Verzweiflung einer sowjetischen Gesellschaft zu ertränken, von deren Idealen jeder längst wusste, dass man nicht mehr daran glauben konnte.

Verbrechen aufarbeiten

Dennoch, die Russen sind unendlich viel besser als das, was ihnen die Autokratie, der sowjetische Totalitarismus und das Putin-Regime angetan haben, aber sie können dies nicht gemeinsam zum Ausdruck bringen, ohne die Brutalität zu bekämpfen, in die die Staatsmacht sie gestürzt hat, und ohne einen langen Prozess der Entgiftung zu durchlaufen. Die Verbundenheit, die man mit der großen russischen Kultur haben kann, darf nicht über die tief sitzende Krankheit des russischen Volkes hinwegtäuschen, die geheilt werden muss. Dies wird sehr lange Jahre dauern.  Es ist deswegen als symptomatisch anzusehen, dass Putin als ersten Akt seiner „militärischen Sonderoperation“ mit „Memorial“ die Organisation verbot, die genau an dieser Entgiftung arbeitete, indem sie an den Gulag erinnerte und dazu beitrug, die begangenen Verbrechen aufzuarbeiten.

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