Pressestimmen vom 24.10.2018

Das Abkommen zwischen China und dem Vatikan hat neue Horizonte eröffnet und unerwartete Prozesse in Gang gesetzt. Die Einladung, Nordkorea zu besuchen, die Papst Franziskus vom südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in übermittelt wurde, ist Teil dieses neuen Klimas, ebenso wie die Einladung durch Bischof Guo Jincai zu einem Besuch in China: noch kein offizieller Schritt, aber wahrscheinlich eine autorisierte Geste. Das Abkommen zwischen China und dem Vatikan hat gezeigt, dass Franziskus und seine Mitarbeiter sich sowohl vom Klima des alten Kalten Krieges distanzieren, als auch von dem des neuen Kalten Krieges. Von diesem sind besorgniserregende Anzeichen zu spüren, wie der Zollstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China, bedrohliche Schiffsmanöver durch Amerikaner und Chinesen, das Raketenabkommen zwischen Russland und den USA sowie die Behauptungen des US-Vizepräsidenten Michael Pence, der die Regierung in Peking beschuldigt, in die Zwischenwahlen „einzugreifen“. Dass der Papst all dem fernsteht, macht ihn zu einem glaubwürdigen Friedensstifter in einem Gebiet, das heute für den Weltfrieden entscheidend ist.

Innerhalb eines Monats haben zwei Priester der Kirche in Frankreich Selbstmord begangen. Beide waren 38 Jahre alt und wegen unangemessenen Verhaltens gegenüber Kindern angeklagt. Ein Selbstmord, so heißt es immer, erklärt sich nicht nur durch die unmittelbare Ursache, die ihn ausgelöst hat. Vielmehr ist er Zeichen für eine tiefer sitzende Instabilität. Wir müssen uns die Destabilisierung zahlreicher Priester in der gegenwärtigen Situation zu Herzen nehmen. Lange Zeit erschien ihre Lebensentscheidung vielen Zeitgenossen seltsam. Heute begegnet man ihr sogar mit Misstrauen aufgrund der zahlreichen Enthüllungen von sexuellem Missbrauch durch Kleriker. Viele Zeugen sagen, dass Priester heute in Frankreich in der Öffentlichkeit anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt sind.

In den kommenden Jahren werden wir durch weitere Untersuchungen und Zeugnisse wohl zu noch schmerzlicherer Erkenntnis kommen, wie sehr unsere Verantwortungsträger im Kinderschutz versagt haben. Die Dinge, die in unserem Namen getan und unterlassen wurden, sind beklagenswert. Wir müssen das, was den Opfern von sexuellem Missbrauch durch Kleriker geschehen ist, in Erinnerung behalten und immer wieder zur Sprache bringen. Wir müssen konkrete Reformen durchführen, die weiterem Machtmissbrauch jeder Art vorbeugen. Aber wir müssen auch eine Sichtweise von der Kirche als pilgerndes Volk, das schon heilig und immer noch sündig ist, zurückgewinnen und erneuern. Wir müssen lernen, uns selbst als Teil von Gottes Plan zu verstehen, die Welt zu heilen und zu heiligen, der in Christus begonnen hat und noch vollendet werden muss, und an eine heilige und sündige Kirche glauben.

Wie können wir Jesus verkündigen, wenn der Leib Christi gespalten ist? Wie können wir über die Liebe Christi sprechen, wenn wir einander nicht lieben, sondern ideologische Kriege führen? Wie können wir uns auf den Frieden Christi berufen, wenn es unter denen, die ihm nachfolgen, so viel Hass gibt – sogar und besonders unter Bischöfen und Kardinälen? Wie können wir die gute Nachricht verkündigen, wenn wir fanatische und vergiftete Ansichten verbreiten? Wie können wir Christus verteidigen, wenn wir gleichzeitig Dingen verteidigen, was nicht verteidigt werden dürfen? Wir müssen als Kirche Wege finden, Christus zu verkündigen, indem wir Gottes unendliche Barmherzigkeit und die Freude unseres Glaubens leben, die in Christus und nicht in Menschen wurzelt. Und wo das nicht genügt, um andere zu überzeugen, dort müssen wir das erkennen und anbieten, was in der Sprache der Wirtschaft unser „unschlagbares Angebot“ ist – die Summe dessen, was die katholische Kirche so einzigartig macht: unsere Sakramente, unsere Frömmigkeit, unsere (wenngleich unvollkommene) Einheit durch den Papst, unsere besondere Verehrung der Gottesmutter und der Heiligen, unsere tätige Nächstenliebe und so weiter. All das gibt Katholiken eine einzigartige Identität. [...] Wenn wir die Freude über unseren Glauben vermitteln und unsere katholische Identität ernstnehmen, können wir jene anziehen, die sie zurückweisen.

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