Portrait der Woche: Sarah Wagenknecht

Sarah Wagenknecht

Es gibt einen Schmidt-Effekt: Vor 40 Jahren konnte man gestandene Konservative sagen hören, eigentlich halte man von den Sozis ja nichts, doch da gebe es eine Ausnahme, eben Helmut Schmidt. Ehemaliger Offizier, klare Rhetorik, charmantes Auftreten. Wäre er doch nur in einer anderen Partei, seufzten sie dann. Der Schmidt- heißt heute Wagenknecht-Effekt. Wohl keine andere Linke – außer vielleicht noch Gregor Gysi – kann im bürgerlichen Lager mit so viel Wohlwollen rechnen wie Sarah Wagenknecht. Und das liegt, ganz ähnlich wie bei dem früheren Bundeskanzler, nicht allein an inhaltlichen Positionen, sondern vor allem auch am Habitus: Kostüm, attraktiv, geschliffene Argumentation, bildungsbürgerliches Flair – Wagenknecht ist nicht nur der Gegentypus zur Antifa-Aktivistin mit Dreadlocks oder Punk-Frisur, sondern auch zur Durchschnittsfunktionärin der etablierten Parteien. Verstärkt wurde dieser Wagenknecht-Effekt durch einen inhaltlichen Akzent: Sie bezog klare Position in der Flüchtlingskrise. Und zwar in Opposition zu Merkel, aber auch zu den Linken, denen der Kurs der Kanzlerin immer noch zu rigide war und die am liebsten die Grenzen völlig öffnen wollten.

DIE ANDERE LINKE

Wagenknecht deutete die sogenannte „Willkommenskultur“ auch als eine Art „Wohlfühlkultur“, in der sich die vermeintlichen Linken, mittlerweile gut verdienend und in bürgerlichen Vierteln wohnend, eingerichtet haben, von den Problemen der sogenannten „kleinen Leute“weit entfernt, ihrer früheren Kernklientel. Wagenknechts Appell an ihre Parteifreunde, aber auch an das linke Lager insgesamt, Grüne und SPD inklusive: Kommt runter vom hohen moralischen Ross und nehmt die Sorgen der Basis ernst. Dass sie damit auch weiten Teilen des bürgerlichen Lagers aus dem Herzen sprach, sagt etwas über die politischen Herzrhythmusstörungen aus, an denen dieser Bevölkerungsteil seit einigen Jahren leidet. Wagenknechts Genossen jedenfalls erkannten die Chance nicht, Brücken über ideologische Gräben zu bauen. Stattdessen schauten sie mit viel Argwohn auf den Polit-Star in den eigenen Reihen, der zum Stammgast in den Talkshows geworden war. Als Wagenknecht dann schließlich noch die Bewegung „Aufstehen“ initiierte, parallel zur Partei und auch überparteilich angelegt, war für die meisten das Fass voll: Wagenknecht schien die Einheit der „Linken“ zu gefährden. Nun hat die 49-Jährige angekündigt, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz ihrer Partei im Bundestag antreten zu wollen, auch bei „Aufstehen“ ist sie aus der Spitze ausgeschieden. Ob das ein kompletter Rückzug ist? Bisher war sie immer für Überraschungen gut.

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