Leitartikel: Viele Fragen in der Causa Wucherpfennig

Der Jesuitenpater wird nicht wegen eines alten Interviews als Rektor der Hochschule Sankt Georgen verhindert. Es geht um viel mehr. Von Kilian Martin

Warum soll Ansgar Wucherpfennig die Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen nicht mehr leiten? Dies ist die vordringlichste aber längst nicht einzige Frage rund um die Causa des Frankfurter Jesuitenpaters.

Der Vatikan verweigere seit Februar die Zustimmung zur Wiederwahl Wucherpfennigs zum Rektor aufgrund einer Aussage zur Homosexualität in einem in die Jahre gekommenen Interview. So lautet die offizielle Version, die am Montag Ordensprovinzial Johannes Siebner präsentierte. Vor zwei Jahren hatte der Exeget Wucherpfennig – damals in zweiter Amtszeit Rektor von Sankt Georgen – die bestehende Auslegung von Paulusworten zur Homosexualität infrage gestellt. Es ist kaum vorstellbar, dass der Vatikan in diesen wenigen Worten allein den Grund für eine Ablehnung Wucherpfennigs gesehen hat. Auch stellt sich die Frage, auf welche Stelle im Vatikan diese überhaupt zurückgeht. Für den Bestätigungsprozess zuständig ist die Kongregation für das katholische Bildungswesen. In ersten Presseberichten wurde hingegen spekuliert, es seien deutsche Mitarbeiter bei der Glaubenskongregation, die den ihnen missliebigen Wucherpfennig würden verhindern wollen.

Doch dürften es weder allein Mitarbeiter einer Kongregation noch fünf Sätze aus einem Zeitungsinterview sein, die Wucherpfennig in Ungnade brachten. Noch im Juni hatte der Jesuit in den „Stimmen der Zeit“ seine Kritik an der Paulus-Exegese sehr viel differenzierter ausgebreitet – als Argument für die Segnung homosexueller Paare. Wucherpfennig, der in Frankfurt als Homosexuellenseelsorger wirkt, ist ein prononcierter Verfechter solcher aus kirchlicher Sicht illegitimen Feiern. Dabei kämpft er Seit an Seit mit dem Frankfurter Stadtdekan, Johannes zu Eltz, der sich nun in einer Stellungnahme umgehend „fassungslos“ zeigte und neben der Bestätigung Wucherpfennigs erneut dringlich den Segen für gleichgeschlechtliche Paare wünschte. In diesen Verbindungen und Positionen fänden sich viel mehr Anhaltspunkte für einen kritischen Blick.

Noch interessanter als die Begründung ist jedoch die Chronologie der Wahl und Bestätigung Wucherpfennigs: Im Februar wurde er als Rektor wiedergewählt, im März wurde das „Nihil obstat“ beantragt, im Juni erfuhr er, dass es vorläufig nicht erteilt würde, zum Oktober hätte Wucherpfennig sein Amt antreten sollen – warum wurde der Fall erst eine Woche später publik? Die Jesuiten dürften mit dem Schweigen über den heiklen Vorgang mit dem Ziel verbunden sein, Wucherpfennig nicht noch mehr zu beschädigen. Doch auch der nun aufgeflammte Skandal hat Nutznießer. Er reiht sich ein in die Liste der Meldungen über das vermeintliche Verwaltungschaos im Vatikan. Dort wurde die kontroverse Personalie dankbar aufgenommen. BDKJ-Bundesvorsitzender Thomas Andonie meldete sich umgehend von der Jugendsynode zu Wort und erklärte Wucherpfennig zum Märtyrer, der schließlich nur „mutig deutlich (macht), was sich junge Menschen von der Kirche wünschen“. Auch diese Einlassung lässt ahnen: Bei der nicht erteilten Anerkennung Wucherpfennigs geht es um viel mehr als ein altes Interview.