Erfurt

Gastkommentar: Mit guten Worten sprechen

Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr über den Gebrauch und Missbrauch von Sprache in der Politik.

Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr
Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr beklagt einen Missbrauch von Sprache in der Politik. Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild)

Einen Behindertenseelsorger habe ich einmal gefragt, was aus seiner Sicht schlimmer sei: Wenn jemand nicht sehen kann oder wenn er nicht hören kann. Ich war erstaunt, wie spontan er antwortete: „Es ist schlimmer, gehörlos zu sein als blind!“ Er sagte, der Blinde könne, sobald er mit anderen Menschen an einem Tisch sitzt, vollumfänglich mit ihnen kommunizieren. Das macht deutlich, wie wichtig für uns Menschen die Kommunikation über Sprache und Worte ist. Jeder erinnert sich an Worte, die ihn bis ins Mark verletzt haben. Und an Worte, die ihn aufgebaut und getröstet haben. Jeder erinnert sich an Worte, die er gerne wieder zurücknehmen würde. Und an solche, die er in einer bestimmten Situation leider nicht gesagt hat.

Wir erleben zurzeit einen unglaublichen Missbrauch der Sprache in der Politik: Es werden Begriffe erfunden, die ganze Menschengruppen aufs Gemeinste diskriminieren. Es werden ganz bewusst Begriffe verwendet, die durch ihren nationalsozialistischen Hintergrund vergiftet sind. Es werden Begriffe gebraucht, die verschleiern oder verharmlosen, was eigentlich das Ziel ist. Parolen ersetzen Worte. Bei all dem Unheil, das Worte im privaten und öffentlichen Bereich anrichten können, können wir den Satz gut verstehen, dass das Körperteil, mit dem am meisten gesündigt wird, die Zunge ist.

"Parolen ersetzen Worte."
Bischof Ulrich Neymeyr über Sprache in der Politik

Das weiß übrigens schon die Bibel. Im neutestamentlichen Jakobusbrief heißt es: „Denkt an die Schiffe: Sie sind groß und werden von starken Winden getrieben und doch lenkt sie der Steuermann mit einem ganz kleinen Steuer, wohin er will“ (Jak 3,4–5). Auf dem Hintergrund dieser Erkenntnisse gibt der Epheserbrief einen guten Rat: „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und den, der es hört, Nutzen bringt!“ (Eph 4,29). Gott ist großzügig, seine guten Worte unter den Menschen auszuteilen. Damit ist er uns ein gutes Vorbild, damit auch wir, wie es im Epheserbrief hieß, nicht mit guten Worten sparen. Mit Worten, die den, der sie braucht, stärken und den, der sie hört, Nutzen bringen.

Von Ulrich Neymeyr

Der Autor ist Bischof von Erfurt