Es war einmal

Die enge Bindung zwischen CSU und Kirche ist Geschichte. Eine Spurensuche. Von Sebastian Sasse

Gedenktage November 2008
KNA-Sonderdienst Gedenktage November 2008 6. November 2008: Franz Josef Strauß Deutscher Politiker 30. Jahrestag Strauß Ministerpräsident Bild: Papst Johannes Paul II. in Deutschland vom 30. April bis 4. Mai 1987. Papst Johannes Paul II. in München. Papst Johannes Pau... Foto: N.N.

Im Witz liegt Ernst: Ein alter bayerischer Bauer, katholisch und natürlich auch CSU-Mitglied, liegt im Sterben. Der Pfarrer tritt an sein Bett: „Hast du noch einen Wunsch, mein Sohn.“ Der Bauer nickt: „Ich will in die SPD eintreten.“ Entsetzen unter allen Anwesenden. „Wenn schon jemand stirbt, dann soll es einer von denen sein.“ – Witze sind Spiegelbilder tatsächlicher gesellschaftlicher Zustände. Ist dieser Witz nur noch die Reminiszenz an einen Mythos? Bayern und CSU, besteht tatsächlich noch diese Deckungsgleichheit, der über Jahrzehnte auf Ewigkeit festgezurrt schien und in regelmäßigen absoluten Mehrheiten bei den Wahlen seinen stetigen Beweis fand. Zur bayerischen Identität wiederum gehört das Katholische. Und so spiegelt sich im Verhältnis zwischen CSU und Kirche wider, wie es denn tatsächlich um den Anspruch der Christ-Sozialen, „die bayerische Stimme“ zu sein, bestellt ist. Ist die Identität zwischen Bayern und CSU wirklich nur ein Mythos oder doch noch ein realpolitischer Faktor? Die Bruchlinien, die sich aktuell zwischen Partei und Kirche zeigen, sind nicht plötzlich da. Die Entfremdung zwischen beiden Seiten hat eine Geschichte – es ist ein Stück in vier Akten:

1. Akt: Als 2015 die Flüchtlingskrise beginnt, zeigt sich sehr schnell: Die Aussagen der CSU und führender Vertreter der Kirche, seien es Bischöfe, seien es Vertreter der Verbände oder des Zemtralkomitees der deutschen Katholiken, die sich als Stimme der Laien verstehen, passen nicht zusammen. Zum Wortführer der CSU-Kritiker innerhalb der Kirche avanciert schnell der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. Und als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat sein Wort natürlich besonderes Gewicht. An der CSU rügt er etwa die Unterscheidung zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und tatsächlichen Asylbewerbern. Auch die Obergrenzen-Diskussion, die die CSU nun erbittert mit ihrer Schwesterpartei führt, nimmt er aufs Korn. Für die Gültigkeit eines Menschenrechtes, so die gesinnungsethische Argumentationslinie dieser Richtung, könne es keine Obergrenze geben. Freilich, trotz aller Unstimmigkeiten signalisiert die CSU zumindest ihre Bereitschaft, im Dialog zu bleiben. Der Kardinal wird nach Wildbad Kreuth eingeladen, zur alljährlichen Klausurtagung der Parteispitzen. Glaubt man den Berichten von Teilnehmern war es nicht nur draußen, es war Winter, knackig kalt. Marx und die CSU-Spitze um Horst Seehofer werden nicht miteinander warm. Und das liegt, so schildern Teilnehmer, nicht am CSU-Chef. Vielmehr sei der bemüht gewesen, argumentative Brücken zu bauen. Doch Marx sei nicht darauf eingegangen. Vielmehr hatten manche Politiker das Gefühl, ihnen werde gerade ihr Sündenregister vorgelesen. Ein Teilnehmer resümiert im Rückblick: „Es fehlte an Verständnis dafür, dass wir vor Ort die Folgen managen müssen.“ Es fehle ja nicht an gutem Willen. Aber man müssen eben auch immer die Rahmenbedingungen im Auge behalten. Politik sei kein „Wünsch dir was“-Spiel.

2. Akt: Sommer 2018: Horst Seehofer ist mittlerweile in die Bundesregierung gewechselt. Markus Söder ist jetzt Ministerpräsident – und er will es auch bleiben. Also startet er voller Tatendrang in den Wahlkampf. Und da beginnt nun die Grundsatzfrage: War der sogenannte Kreuzerlass, den nun die bayerische Staatsregierung auf seine Initiative hin erlässt, tatsächlich nur dem Wahlkampf geschuldet oder steckte mehr dahinter? Die Entscheidung, dass künftig in allen öffentlichen Gebäuden in Bayern Kruzifixe angebracht werden sollen, wird jedenfalls nicht von denen begrüßt, auf die sie abgestimmt war. Wieder ist es vor allem Marx, allerdings sekundiert auch von anderen Bischöfen, der vor einer Instrumentalisierung der Kreuze für politische Zwecke warnt. Zwar rudert er später wieder etwas zurück, indem er hervorhebt, grundsätzlich seien Kreuze im öffentlichen Raum natürlich zu begrüßen. Aber trotzdem zeigt sich auch hier, wie stark die Bruchlinie inzwischen ist, die zwischen CSU und Kirche verläuft. Zum Vergleich eine Szene aus der Vergangenheit: Anfang der 90er Jahre gab es ja schon einmal einen Kruzifix-Streit. Damals ging es um die Kreuze in den Schulen. Als diese durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes in Frage gestellt wurden, mobilisierte sich binnen kürzester Zeit eine riesige Volksbewegung. Angeführt von dem damaligen Münchner Erzbischof, Friedrich Kardinal Wetter, und dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zog eine riesige Solidaritätsdemo durch München. Unser bayerischer Bauer aus dem Witz oben, der dürfte dabei gewesen sein. Aber auch alle anderen Bevölkerungsgruppen waren vertreten. Damals, so muss man heute im Rückblick sagen, zelebrierte sich noch ein letztes Mal der Mythos vom einigen Bayern, mit Kirche und CSU an der Spitze.

3. Akt: Heute sehen Demonstrationen anders aus – Herbst 2018: Tausende demonstrieren auf dem Marienplatz – das Motto „ausgehetzt“. Es richtet sich explizit gegen die CSU-Flüchtlingspolitik und deren Vertreter in Berlin, Bundesinnenminister Horst Seehofer. In seinem Streit mit der Kanzlerin über den Schutz der EU-Außengrenze sieht man hier keinen realpolitischen Versuch, sondern den Kotau vor rechtspopulistischer Stimmungsmache. Im Grunde werden Seehofer und Pegida gleichgesetzt, das geht einher mit teilweise ehrverletzenden Plakaten. Unter den Demonstranten sind aber nicht nur die politischen Gegner der CSU aus anderen Parteien. Auch kirchliche Vertreter sind mit dabei, die sich auch explizit als solche zu erkennen geben. Schwestern in Ordenstracht sind genauso zu sehen wie Mönche in ihrer Kutte. Sie alle sorgen sich vor einer Flüchtlingspolitik, die vermeintlich die christliche Barmherzigkeit, die ja auch von Papst Franziskus angemahnt wird, außer Acht ließe. Das ist der Höhepunkt des Konflikts. Ist der Riss noch zu kitten?

4. Akt: Er wird zeigen, ob dieses Stück für die CSU zum Drama wird. Denn dieser Akt geht erst mit dem Wahltag zu Ende. Um 18 Uhr, wenn die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmern, wird sich bereits zeigen: Findet der Bruch zwischen Kirche und CSU, der sich in den letzten Jahren vollzogen hat, in dem Wahlergebnis seine Entsprechung? Stehen die katholischen Wähler in Bayern mittlerweile in ähnlicher Distanz zu den Christlich-Sozialen wie ihre Oberhirten? Eine Antwort wird erst der nächste Sonntag geben.

Trotzdem: Man darf nicht vergessen, zwischendurch gab es auch immer wieder Szenen, bei denen sich der Eindruck einstellen konnte, es sei doch alles wieder gut. Vielleicht könnte es doch noch einmal wieder so sein wie in der vermeintlich guten alten Zeit: Als der 30. Todestag von Franz Josef Strauß vor einigen Tagen begangen wurde, dann war ganz selbstverständlich natürlich auch die Kirche in dieses Gedenken miteinbezogen. Oder auch der Besuch von Markus Söder in Maria Vesperbild: Als der Ministerpräsident, immerhin Protestant, dort um die Fürsprache der Mutter Gottes für Bayern bat, wirkte dies glaubwürdig und überzeugend. Söder hatte bewusst vermieden, dass das Ereignis wieder unter der Rubrik Wahlkampf abgebucht werden konnte.

Bleiben aber die Fragen für die tieferen Ursachen für das gespannte Verhältnis der einstmals ziemlich besten Freunde CSU und Kirche. Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze: Die eine Seite argumentiert ideengeschichtlich. Die andere verweist auf einen Generationswechsel. Der prominenteste Vertreter der ersten Richtung ist Hans Maier, langjähriger Kultusminister, früher ZdK-Präsident und so etwas wie der Doyen unter den Historikern, die sich mit der Geschichte der Christdemokratie beschäftigen. Auch gegenüber dieser Zeitung hat er darauf hingewiesen, dass viele Christen mit der Partei hadern. Und Maier erkennt auch einen Bruch mit der Parteitradition. Man könnte auch sagen: Machtfragen überlagern inhaltliche Fragen. Aber war das in der Vergangenheit wirklich anders? Gab es unter Franz Josef Strauß tatsächlich intensive Grundsatzdiskussionen über das „C“-Profil. Der Unterschied liegt eher woanders: Damals waren viele Positionen selbstverständlich, die heute, nachdem das alte katholische Milieu so nicht mehr besteht, begründungspflichtig geworden sind. Auch für Christdemokraten. Es zeigt sich etwa auch an dem Entschluss der bayerischen Staatsregierung, nicht gegen die sogenannte „Ehe für alle“ vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Und hier kommen die Vertreter eines anderen Ansatzes zu Zuge: Sie sprechen von einem Generationsbruch. Und der spiegelt sich in einem unterschiedlichen Politikverständnis wider. Sowohl für Joseph Ratzinger wie für Franz Josef Strauß, aber auch noch für Friedrich Wetter und Edmund Stoiber war klar: In der Politik geht es nicht um Wünsche, sondern um das, was machbar ist. Nicht zuletzt die Kriegserfahrung und die Aufbaujahre der Bundesrepublik hatten die Vertreter dieser Jahrgänge zu Verantwortungsethikern gemacht. Die heutige Generation aber, sie ist im kirchlichen Bereich vor allen in den Führungsgremien bestimmter Laienverbände und im ZdK vertreten, treiben gesinnungsethische Motive um. Ihnen geht es weniger um das, was möglich ist, sondern um das, was möglich sein sollte. Auf der Parteiebene hat sich dieser Generationswechsel nicht so stark in einem unterschiedlichen Politikverständnis widergespiegelt. Dort dominiert immer noch das verantwortungsethische Moment.

Eine zweite Bruchlinie, die wiederum der CSU etwas Hoffnung geben könnte, zeigt sich bei den katholischen Laien in der Hierarchie. Während die Funktionsträger in den Gremien eher dem gesinnungsethischen Ansatz zuneigen, sieht es an der Basis noch anders aus. Das können auch CSU-Politiker berichten. Haben sie unter der Woche noch von den organisierten Katholiken Schelte bezogen, kann es sein, dass ihnen am Sonntag nach dem Messbesuch einfache Gemeindemitglieder auf die Schulter klopfen und ihr Lob aussprechen.

Der letzte Akt in dem Stück ist noch nicht geschrieben, Im Moment hält sich die kirchliche Seite eher bedeckt. Und auch Ministerpräsident Söder vermeidet rhetorische Aggressionen. Ob das auf die Wahlentscheidung der Bürger Folgen hat? Vorerst gilt: Das letzte Wort hat der Wähler.