Berlin

Paneuropa-Union: Mut zum „Übervaterland“ Europa

Die Paneuropa-Union feierte ihren 100. Geburtstag und schaut dabei in die Zukunft des Kontinents
, Erzbischof Nikola Eterović
| Auch wenn Europa säkular sei, dürfe man nicht vergessen, dass 75 Prozent der Menschen in Europa Christen seien, sagte der Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović.

Ein Festakt, viele Fragen, aber auch deutliche Antworten: Die Feier, mit der die Paneuropa-Union am vergangenen Dienstag ihren 100. Geburtstag feierte, war alles andere als eine bloße historische Reminiszenz. Vielmehr machte die älteste europäische Einigungsbewegung deutlich: Die Ideen, die ihr Gründer Richard Coudenhove-Kalergi vor hundert Jahren zum ersten Mal formulierte, sind brennend aktuell. Schon der Ort des Festaktes war symbolisch: Die tschechische Botschaft in Berlin. Coudenhove-Kalergi (1894-1972) stammt aus Böhmen, in Berlin aber veröffentlichte er im November 1922 in der „Vossischen Zeitung“ den Aufsatz, der den inhaltlichen Impuls zur Gründung der Bewegung gab.

Patriotismus als uneigennützige Eigenschaft

Die Paneuropa-Union ist nicht nur die älteste europäische Einigungsbewegung, sie setzt, bei allen Gemeinsamkeiten, immer wieder andere inhaltliche Akzente als verwandte europäische Bewegungen. Typisch war hier in gewisser Hinsicht, dass der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Bernd Posselt, auf den heute vielfach vergessenen Staatsmann des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Justus Möser (1720-1794), hinwies.

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Dieser Osnabrücker Jurist und Staatsdenker habe einmal Patriotismus als eine Eigenschaft definiert, die sich dadurch auszeichne, sich für ein übergeordnetes Ziel einzusetzen, auch dann, wenn es zunächst keine persönlichen Vorteile bringe. Genau in diesem Sinne sei heute ein Patriotismus für Europa gefordert, das „Übervaterland“, wie Richard Coudenhove-Kalergi den Kontinent einst genannt habe.

Eine Frage von Krieg und Frieden

Zwar bringe das vereinte Europa für Deutschland viele Vorteile mit sich, aber trotzdem schleiche sich immer mehr eine Stimmung ein, nach der die europäische Einigungsidee etwas für „Oma und Opa“ sei. Die Aussage, die europäische Einigung sei eine Frage von Krieg und Frieden, wie es etwa immer wieder der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl betont habe, sei lange verlacht worden. Der russische Angriffskrieg zeige aber, dass es eben tatsächlich so sei.

Die Verbundenheit mit den Menschen in der Ukraine wurde bei der Festveranstaltung auch dadurch ausgedrückt, dass ein ukrainischer Sänger zwei Lieder aus seiner Heimat vortrug – stark beklatscht vom Auditorium in der Botschaft.

Europäische Einigung als geistige Aufgabe

Aber noch einmal zurück zu Justus Möser: Indem Posselt ausgerechnet auf ihn hinwies, machte der frühere CSU-Europaabgeordnete und Weggefährte von Otto von Habsburg, dem Nachfolger von Coudenhove-Kalergi als Präsident der Internationalen Paneuropa-Union, auf die langen historischen Linien aufmerksam, die zu beachten sind, wenn die aktuellen politischen Probleme gelöst werden sollen. Und Posselt betonte so auch, dass die europäische Einigung eben nicht nur ein Projekt der Tagespolitik ist, sondern vor allem auch eine geistige Aufgabe darstellt.

Posselt warnte vor zu viel Defätismus, sondern rief zu Mut auf. Als Coudenhove-Kalergi in den 20er Jahren seine Schriften verbreitete, gab es auch einen anderen Bestseller: Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Coudenhove-Kalergi habe aber nicht an den Untergang des Abendlandes geglaubt, er habe es erhalten wollen und sei somit zu einem „Anti-Spengler“ geworden. Europa müsse sich immer wieder auf seine Werte zurückbesinnen, die im im römischen Recht, in der griechischen Philosophie und im christlichen Glauben wurzelten. Es gelte, sich diese Wurzeln immer wieder bewusst zu machen, so Posselt.

Papst Franziskus' Vision von Europa

Ein guter Aufschlag für den Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, der bei dem Festakt auf dem Podium saß. Der Botschafter des Heiligen Stuhls betonte, dass die Päpste stets die europäische Einigungsbewegung unterstützt hätten und erinnerte hier besonders an Papst Pius XII., der ja selbst einmal Nuntius in Deutschland gewesen war. Auch wenn Europa säkular sei, dürfe man nicht vergessen, dass 75 Prozent der Menschen in Europa Christen seien, so der Nuntius.

Schließlich erinnerte er an die europäische Vision, die Papst Franziskus bei der Verleihung des Aachener Karlspreises 2016 formuliert hat. Er träume von einem Europa, das an der Seite der Armen und Schwachen, der Alten und Kranken und der Familie stehe, erklärte damals der Pontifex. Diese Botschaft sei immer aktuell, so der Erzbischof. Und so schließt sich der Kreis: Den ersten Aachener Karlspreis erhielt nämlich im Jahr 1950 Richard Coudenhove-Kalergi, der Gründer der Paneuropa-Union.

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