Horst Köhler lobt deutschen Patriotismus Appell an die Bürger: Auch nach der WM Mut zu Neuem haben - Historiker deuten den schwarz-rot-goldenen Jubel unterschiedlich

Berlin/Würzburg (kgm/dpa) Bundespräsident Horst Köhler hat die Deutschen aufgerufen, sich ihren Patriotismus aus der Fußball-Weltmeisterschaft über das Sportereignis hinaus zu bewahren. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung sagte das deutsche Staatsoberhaupt: "Wir sind auf einem guten Weg, uns zu uns selbst zu bekennen, stolz zu sein auf das, was wir nach 1945 erreicht haben. Die Deutschen identifizieren sich mit ihrem Land und seinen Nationalfarben. Das finde ich großartig." Köhler betonte weiter: "Es ist schön, wenn Patriotismus da ist. Dann gibt er Halt." Der Bundespräsident appellierte an die Bürger: "Wir können viel erreichen, wenn wir Mut haben, Neues zu wagen. Daran sollten wir uns auch nach der WM erinnern." Nach Ansicht des Bundespräsidenten ergibt sich aus der Fußball-Weltmeisterschaft auch eine ganz besondere Chance für die Integration von Ausländern. Köhler berichtete in dem Interview von Begegnungen mit Jugendlichen türkischer Abstammung, die auf seine Frage, wem sie bei der WM die Daumen drückten, "ganz selbstverständlich" geantwortet hätten: "Deutschland natürlich!" Köhler dazu: "Etwas Besseres kann uns gar nicht passieren. So gelingt Integration." Allerdings hätten die Deutschen in der Vergangenheit dem Thema "nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt", bemängelte Köhler und forderte: "Es wird Zeit, dass wir allen Einwanderern, die sich zu unserem Land und unserer Verfassung bekennen, ein Angebot machen, sie mit offenen Armen in unsere Gesellschaft integrieren." Bestätigt wurde der Bundespräsident gestern vom Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), der die "hervorragende" Gastgeber- Rolle des deutschen WM-Publikums lobte. "Wir sind ein Land, das in der Lage ist, ein solches Weltereignis gut organisiert und gut vorbereitet zu veranstalten", sagte er am Mittwoch im Südwestrundfunk (SWR). Es gebe darüber hinaus nun ein Gefühl der Geschlossenheit in Deutschland. "Ich glaube, diese Weltmeisterschaft hat unserem Land gut getan", sagte Danckert. Unterdessen zeigte sich der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler skeptisch. Der Jubel-Patriotismus vieler deutscher Fußballfans wird nach seiner Einschätzung nach der Weltmeisterschaft abflauen. "Es handelt sich um eine Parallel-Erscheinung zum rheinischen Karneval", sagte Wehler am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Er halte die Deutschland-Flaggen und die euphorischen Siegesfeiern bis zum WM- Aus der deutschen Nationalelf für eher flüchtige Phänomene. "Obwohl ich gegenüber den nationalen Regungen meiner Landsleute skeptisch bin, halte ich dies für harmlos", betonte Wehler. "Das Ganze ist nach meinen Kriterien weit von Nationalismus entfernt." Der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta hingegen meint, dass Schwarz-Rot-Gold auch nach der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft nicht von der Bildfläche verschwinden wird. "Es wird keine kollektive Depression und Untergangsstimmung geben. Der neu entdeckte, ungekünstelte Patriotismus bleibt", sagte der Wissenschaftler des Historischen Institutes der Universität Stuttgart. Gerade junge Menschen behielten das Bekenntnis zur Nation bei. Pyta: "Sie werden nicht mehr so selbstquälerisch sein wie ihre Eltern." Das Fahnenschwenken werde bis zum Ende der WM am Sonntag zwar "nicht in dieser Größenordnung weiterlaufen, aber schwarz- rot-goldene Fahnen an den Autos wird es weiter geben".

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