Ukraine-Krieg

Neutralität ist nicht das Gebot der Stunde

Was Putin von anderen Despoten unterscheidet: Seine Unterwanderung zielt auf einen Schwachpunkt des Westens - die satte Schläfrigkeit, die nur „zuschauen“ möchte. Ein Kommentar.
Wladimir Putin
Foto: - (Kremlin) | Aber seinen Kampf gegen den freiheitlichen Westen führt Wladimir Putin schon lange. Da kann man nicht neutral bleiben.

Irgendwann in der Zeit zwischen Leonid Breschnew und Michael Gorbatschow an der Spitze der Sowjetunion, in den (wenigen) Jahren, die mit den Namen Andropow und Tschernenko verbunden sind, wussten führende Analysten des KGB Bescheid: Der Kommunismus ist dem Westen militärisch und wirtschaftlich hoffnungslos unterlegen. Den drohenden Untergang der Sowjetunion vor Augen, verschob diese Clique Unsummen von Geldern in Offshore-Netzwerke im westlichen Ausland, um ein Überleben der Elite des KGB abzusichern.

Schon früh bewies Putin seine ganze Skrupellosigkeit

Einer der führenden Köpfe dieser Untergangs-Strategie war Wladimir Putin. Überrascht waren er und seine KGB-Genossen dann nur, wie schnell das Ende der Sowjetunion kam. Als stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg bewies Putin dann seine ganze Skrupellosigkeit, als er mit Teilen der örtlichen Mafia den Hafen und den Ölterminal der Stadt unter seine Kontrolle brachte. Der Bandenkrieg, in den er verwickelt war, wurde so heiß, dass er seine Töchter bei seinem Freund und ehemaligen Stasi-Hauptmann Matthias Warnig in Sicherheit bringen musste, dem späteren Geschäftsführer von Nordstream 1 und 2. Alles schön nachzulesen in Catherine Beltons Schlüsselbuch „Putins Netz“.

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Sei dem, wie es sei. Schon Augustinus hatte keinen großen Respekt vor den Mächtigen dieser Welt und sprach von „Räuberreichen“. Es gibt nicht viele freiheitliche Demokratien auf dieser Welt und selbst bei diesen offenbart der Blick hinter die Kulissen bisweilen Abgründe von Intrigen und Korruption. Aber bei Putin ist es anders. Aus dem KGB-Mafia-Bürgermeister in Petersburg wurde der Herrscher im Kreml und die Offshore-Netzwerke und Scheinfirmen im Westen arbeiteten unter seiner Kontrolle weiter.

Und Putin gelang es, sich die Oligarchen, die in den Jelzin-Jahren das Sagen hatten, zu unterwerfen. Ziel der milliardenschweren Auslandsaktivitäten des Systems Putin ist die Destabilisierung der westlichen Demokratien: Kauf politischer Verbündeter, Desinformation und Korruption von Amtsträgern. Jetzt, im italienischen Wahlkampf, müssen sich so einige Formationen wie die „Lega“ Salvinis fragen lassen, warum sie sich so ungeniert zu nützlichen Idioten Putins machen ließen.

Putin hat sich die Maske vollends vom Gesicht gerissen

Man kann, wie im „Thema der Woche“ dieser Ausgabe auf den Seiten 2 und 3, vieles erklären, was in den DNA der Weltmächte und Staatenbünde liegt – und die Zeitgeschichte an sich vorbei ziehen lassen wie eine beliebte Fernsehserie im Vorabendprogramm. Im Falle Putins geht das nicht. Mit dem Ukraine-Krieg (so halb schon in Tschetschenien und mit der Besetzung der Krim) hat er sich die Maske vollends vom Gesicht gerissen. Aber seinen Kampf gegen den freiheitlichen Westen führt er schon lange. Da kann man nicht neutral bleiben. Nicht die Ukraine Selenskyjs bedroht uns im Westen, sondern das System Putin. Wobei der Herrscher im Kreml zum Siegen verurteilt ist. Ein Verhandlungsfrieden, der den augenblicklichen Status quo in der Ukraine einfriert, oder gar eine Niederlage wären sein ganz persönlicher Untergang.

Die Deutschen werden das im Herbst spüren, wenn sich in der Ukraine die Lage zuspitzen wird und die Daumenschraube des Energie-Mangels – etwa in Bayern – weh zu tun beginnt. Dann wird man wie die Ukrainer durchhalten müssen. Heute ist man stolz auf den Widerstand im Nazi-Reich. Und heute muss man selber Widerstand leisten.

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