Welt der Technik

Mensch und Algorithmen: Wer beherrscht wen?

Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie der Mensch Herr über seine Existenz werden kann. Denn Medien bestimmen unsere Realität, unser Denken und Handeln - mehr als uns oft bewusst ist. Ein Kommentar.
Copenhagen/Denmark/08 November 2022/ people use iphnes and smartphone during journey in metro in Copenhagen (Photo. Fran
Foto: IMAGO/Francis Joseph Dean/Dean Picture (www.imago-images.de) | Eine bessere Welt entsteht aber nicht durch mehr Technologie: Wir verwandeln die bestehende Welt durch unser Denken und Tun, durch Freundlichkeit, Güte und Empathie, meint Anna Diouf.

Ausloggen und ausschalten. Es wäre höchste Zeit, dass die prägenden Kräfte unserer Gesellschaft iPad und Smartphone herunterfahren und gemeinsam über die technologischen Entwicklungen nachdenken, denen wir ausgesetzt sind. Denn gegenwärtig werden wir schleichend entmachtet: Der Algorithmus bestimmt, welche Nachrichten wir wahrnehmen, welche Produkte wir erwerben, welche Menschen wir kennenlernen. Er bestimmt, welche Worte benutzt und welche Inhalte weggefiltert werden.

Medien formen unsere Wirklichkeit

So wird Realität geformt, mit der sich am Ende alle auseinandersetzen müssen, ganz gleich, ob sie selbst im Internet unterwegs sind oder nicht. Und nicht nur das: An immer mehr Schnittstellen greift der digitale Arm unmittelbar in unsere Wirklichkeit ein. Das betrifft nicht nur Smart Watches und Smart Homes, sondern auch in dramatischer Weise unser soziales Leben: Ein Mensch, den ich digital verunglimpfe, steht analog vor den Scherben seiner Existenz.

Lesen Sie auch:

Es ist daher angebracht, innezuhalten und kritisch zu reflektieren, wie wir wieder Herr des Fortschritts werden können, der uns vor sich hertreibt. Sind wir Kreationen der digitalen Welt, oder ist nicht vielmehr die digitale Welt unsere Erfindung? Was tun wir damit, was wollen wir damit, und was wollen wir nicht? Diese Fragen scheinen kaum breit diskutiert zu werden.

Vom Tempo der Entwicklungen überrannt

Unser Anpassungs- und Lernvermögen wird vom Tempo der Entwicklungen schlicht überrannt. Sicher haben wir uns in kürzester Zeit vom Tippen aufs Wischen umgewöhnt, wir begreifen schnell, welche Formate und Filter die meisten Reaktionen generieren.

Wie aber geht man in einer Welt, die keine nonverbale Kommunikation vermittelt, menschlich miteinander um? Wie unterscheiden wir zwischen Information und Desinformation; wie stellen wir angesichts eines durch Algorithmen gelenkten Informationsflusses sicher, über relevante Information zu verfügen? Wie füllen wir Geist und Hirn mit Wissen, statt mit einem leeren Kopf von vollen Datenspeichern abhängig zu sein? Kurz: Wir haben gelernt, die Technik zu bedienen, im zweifachen Wortsinne. Wir beherrschen sie nicht.

Einsamkeit und Hass statt Gemeinschaft und Verständnis

Immer noch sind wir gefangen in einem Denken, das Fortschritt als in sich gut betrachtet, weil es davon ausgeht, dass er an die Wohlfahrt der Menschheit gekoppelt sei. Dass dem nicht so ist, beweisen uns die Sozialen Medien jeden Tag aufs Neue: Wir können intensiver und zerstörerischer verletzen, effektiver Lügen verbreiten und uns umfassender in Phantasiewelten flüchten und abschotten. Die Entwicklung der Sozialen Medien hat trotz gegenteiliger Hoffnungen und Versprechungen eher mehr Einsamkeit und Hass in die Welt getragen als Gemeinschaft und Verständnis gestiftet.

Das liegt nicht an böser Technologie, sondern am Wesen des Menschen. An uns selbst, an unserer Persönlichkeit zu arbeiten, ist deutlich schwieriger, als eine App zu programmieren. Wir können unsere Schwächen nicht mit einem Update überschreiben. Genau das aber wird uns als anzustrebendes Ziel vorgegaukelt: Schon wird das „Metaverse“ angepriesen; statt der Parallelwelt des Internets eine „Über-Welt“, in der Realität überwunden, optimiert und erschaffen werden soll.

Mehr als nur eine gefährliche Spinnerei – eine dystopische Vorstellung, die den Menschen der Technologie unterwirft und die menschlichen Ressourcen damit aushebelt, statt sie zu stärken. Eine bessere Welt entsteht aber nicht durch mehr Technologie: Wir verwandeln die bestehende Welt durch unser Denken und Tun, durch Freundlichkeit, Güte und Empathie. Eine Binsenweisheit, die offenbar dringend wiedergewonnen werden muss.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Anna Diouf Social Media Zeitenwende

Weitere Artikel

Wie reagieren auf Corona? Manche flüchten in Arbeit und Aktivismus, andere in Hobbys und Projekte. Es geht aber auch anders. 
29.08.2021, 09 Uhr
Alexander Pschera
Das lehramtliche Amts- und Weiheverständnis ist auf dem Synodalen Weg durchgefallen. Befürworter der Göttlichkeit Christi und der Existenz Gottes dürfen sich aber Chancen ausrechnen.
12.09.2022, 16 Uhr
Josef Bordat

Kirche

Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping analysiert das Magnus Striets Buch „Für eine Kirche der Freiheit“
07.12.2022, 11 Uhr
Vorabmeldung
Papst Franziskus überreicht den renommierten Ratzinger-Preis an den französischen Dogmatiker Michel Fedou SJ und den Rechtsgelehrten Joseph Halevi Horowitz Weiler.
06.12.2022, 14 Uhr
Stephan Baier
Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung