„Man kann nicht mehr von einer bedingungslosen Liebe sprechen“: Glossar

Professor Matthias Beck spricht mit der „Tagepost“ über die Möglichkeiten vorgeburtlicher Diagnostik und darüber, wie diese unsere Gesellschaft verändern. Von Stefan Rehder
Foto: Archiv | Medizinethiker Matthias Beck.
Foto: Archiv | Medizinethiker Matthias Beck.

Professor Matthias Beck ist Pharmazeut, Arzt, Theologe und katholischer Priester. Der Universitäts-Professor lehrt Moraltheologie mit dem Schwerpunkt Medizinethik an der Katholischen Fakultät der Universität Wien. Der Bioethik-Experte, der sich 2007 mit einer Arbeit über Mensch-Tier-Wesen und alternative Quellen für pluripotente Stammzellen habilitierte, ist unter anderem Mitglied der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Mit ihm sprach die „Tagespost“ über die Folgen, die der medizin-technische Fortschritt auf dem Gebiet der Pränatalen Diagnostik und der Präimplantationsdiagnostik für Staat, Gesellschaft und unser Bild vom Menschen hat.

Herr Professor Beck, in Deutschland wird leidenschaftlich über die bevorstehende Markteinführung eines neuen Bluttests zur Früherkennung des Down-Syndroms gestritten, der ja auch in Österreich und der Schweiz erhältlich sein soll. Wie hoch schlagen die Wellen in Österreich?

Ich bin ja auch Mitglied der österreichischen Bioethikkommission. Da habe ich das an die oberste Stelle der Dinge gesetzt, die wir diskutieren müssen. Wenn ich das richtig sehe, geht es ja nicht nur um das Down-Syndrom. In Zukunft wird es möglich sein, das gesamte Genom des Embryos zu analysieren. Noch wissen wir aber gar nicht genau, was wir mit all den Informationen anfangen sollen, die wir dann erhalten werden. Wir tragen wahrscheinlich alle die Gene von acht bis zehn todbringenden genetischen Veränderungen in uns. Also wenn wir uns alle genetisch durchchecken ließen, dann wären wir alle – genetisch gesehen – schwer krank. Das Wissen darum wird die Medizin revolutionieren und zwar in zweierlei Richtungen.

Nämlich?

Zum einen wird das Mehr an Informationen ganz neue Fragen aufwerfen, die etwa unseren Begriff von Krankheit betreffen. So wird es zum Beispiel möglich sein, bei einem Embryo genetische Anlagen für Krankheiten zu entdecken, die im späteren Verlauf seines Lebens ausbrechen können, aber nicht ausbrechen müssen. Das hängt mit epigenetischen Einflüssen zusammen, über die wir noch viel zu wenig wissen. Will sagen: Wenn wir das Genom des Embryos analysieren können, sind wir mit einer Informationsfülle überlastet, die wir möglicherweise gar nicht gut genug interpretieren können, weil wir gar nicht wissen, welche Gene wie geschaltet werden und ob eine genetische Veranlagung – wenn sie denn da ist – auch zu einer Erkrankung führt und welche zusätzlichen Faktoren dafür ausschlaggebend sind.

Und zum anderen?

Zum anderen wird die Medizin dadurch revolutioniert werden, dass eine pränatale Diagnose künftig viel einfach als bisher gestellt werden kann. Bislang war mit der pränatalen Analyse des Genoms mittels Fruchtwasseruntersuchung immer ein gewisses Risiko verbunden. Aufgrund dieses Risikos haben manche Eltern davon Abstand genommen. Jetzt fällt dieses Risiko weg, denn ein Bluttest ist für die Mutter und zunächst auch für den Embryo völlig ungefährlich. Und der Wegfall dieses Risikos wird voraussichtlich zu einer Flut zusätzlicher pränataler Diagnostiken führen.

Das heißt, die neue Technologie macht die Pränatale Diagnostik jetzt auch für Schwangere interessant, die vorher davor zurückgeschreckt sind?

Ja genau: Ich bin jetzt zwölf Jahre in diesem bioethischen Geschäft unterwegs. Und meine Erfahrung ist: Wenn die Möglichkeit besteht nachschauen zu können, werden die auch Menschen nachschauen wollen. So wie ich die Mentalität der Menschen kennengelernt habe und ihre Angst vor einem behinderten Kind, wird es eine Ausweitung des „Nachschau-Syndroms“, wie ich das mal nennen möchte, geben.

Natürlich kann der Gesetzgeber sagen, das wollen wir nicht. Er könnte zum Beispiel sagen, dass ein solcher Bluttest nur nach einer klaren Indikationsstellung durch den Arzt gemacht werden darf. Soweit ich sehe, gibt es bisher in Österreich zu diesen Neuerungen noch keine gesetzliche Regelung. Also wird man das regeln müssen. Oder man sagt, die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur dort, wo wirklich eine Risikoschwangerschaft besteht, also jenseits der 35. Lebensjahres. Ich fürchte nur, das bringt nicht viel. Denn meine Erfahrung ist auch. Wer privat zahlt, kriegt das, was er will auch. Und wenn noch nicht hier, dann im Ausland.

In Großbritannien ist es ja bereits möglich, dass Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, weibliche Embryonen im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik (PID) dann darauf testen lassen, ob sie ein Gen besitzen, das ihr Risiko, in ihrem späteren Leben an Brustkrebs zu erkranken, erhöhen soll. Und Embryonen, die Träger dieses Gens sind, die können dann selektiert und von der Geburt ausgeschlossen werden. Inwieweit verändern diese Dinge unser Bild vom Menschen? Denn das wird nicht ausbleiben können?

Unser Bild vom Menschen hat sich schon verändert. Ich bin bereits vor drei Jahren einmal angerufen und gefragt worden, ob dies ethisch zulässig sei. Da ging es exakt um einen Fall, wie Sie ihn gerade geschildert haben. Die Mutter war Trägerin der BRAC-1-Gen-Veränderung und wollte verhindern, dass ihre Tochter diese erbt. Also was haben die Eltern gemacht? Sie haben sich, obwohl sie normal zeugungsfähig waren, einer PID unterzogen. Eigentlich war die In-Vitro-Fertilisation (IVF) einmal dazu da, Eltern zu helfen, die auf natürlichem Wege keine Kinder kriegen können. Jetzt wird die IVF angewendet, um eine PID durchführen zu können. In diesem Fall wurden zehn Embryonen hergestellt und untersucht. Acht hatten die Veranlagung, zwei hatten sie nicht. Die beiden hat man eingepflanzt. Hier kann also zunächst eine Geschlechtsselektion gemacht werden und dann werden noch einmal diejenigen Mädchen herausselektiert, die die entsprechende Genveränderung nicht haben. Das hat unser Bild vom Menschen schon verändert. Kinder werden hier akzeptiert unter bestimmten Bedingungen. Man kann nicht mehr von einer bedingungslosen Liebe sprechen, sondern die Liebe der Eltern zu ihrem Kind ist an eine Bedingung geknüpft. Nämlich, dass es gesund sein soll.

Natürlich wollen alle Eltern ein gesundes Kind zur Welt bringen. Und das ist auch verständlich. Nur mit diesem Chip und auch mit diesem PraenaTest wird die Kontrollmöglichkeit über ein möglicherweise behindertes Kind immer größer. Und insofern wird sich unser schon verändertes Menschenbild immer weiter verändern, nämlich weg von der Akzeptanz dessen, was ist, hin zu einer Planung dessen, was als wünschenswert erachtet wird.

Und was wünschenswert ist oder nicht, bestimmt in einer so individualisierten Welt wie der unsrigen letztlich der Einzelne?

Das Groteske ist ja in Amerika passiert. Da wollten zwei lesbische taube Frauen zwei taube Kinder haben. Also haben sie sich einen taubstummen Samenspender gesucht, woraus zwei Kinder entstanden sind, die beide taub waren. Und das diskutieren wir natürlich jetzt auch in Österreich in der Kanzlerkommission. In-vitro-Fertilisation für gleichgeschlechtliche Paare. Und da wird vielen dieser Chip oder der neue Bluttest natürlich entgegenkommen. Mit dem Bluttest wird man in Zukunft ja auch andere Trisomien diagnostizieren können. Also nicht nur Trisomie 21, sondern auch Trisomien 13 und 18. Wobei ich da aus ethischen Gründen vielleicht noch bereit wäre zu sagen, dass ein Test auf die Lebensfähigkeit des Embryos möglich sein könnte. Denn es ist natürlich unsinnig, im Rahmen einer IVF einen Embryo einzupflanzen, der nicht überlebensfähig ist.

Nun gibt es ja den Vorschlag, das Ausufern genetischer Diagnostiken dadurch zu verhindern, dass man sich bei Suche nach genetischen Veränderungen und Krankheiten einfach auf diejenigen beschränkt, für die es auch eine Therapie gibt. Was halten Sie von einem solchen Vorschlag? Und vor allem: Für wie realistisch halten Sie ihn angesichts der sicher nicht geringen kommerziellen Interessen auf Seiten der Anbieter der unterschiedlichsten Gentests?

Ein Grundparadigma der Medizin war immer der Dreiklang von Diagnose, Therapie und Prophylaxe. Also ich stelle eine Diagnose, um eine Therapie oder Prophylaxe einzuleiten. Bestes Beispiel: Phenylketonurie-Screening bei Neugeborenen. Ein genetischer Defekt, den man leicht behandeln kann durch entsprechende Flaschennahrung. Wird natürlich gemacht. Also da würde ich sofort sagen, überall, wo eine Diagnose zu einer Therapie führt oder zu einer Prophylaxe, sollte man diese Diagnose durchführen. Alles andere wäre verantwortungslos. Nur wird heute die Schere zwischen dem, was wir diagnostizieren und dem, was wir therapieren können, immer größer. Wir können immer mehr diagnostizieren, ohne dass die Zahl der Therapien damit Schritt halten kann. Das ist das Grundproblem und wir werden diese Schere nicht in den Griff bekommen.

Aber was ist die treibende Kraft dahinter, dass wir die Flügel dieser Schere nicht mehr zusammenbekommen? Ist das naiver Machbarkeitsglaube? Sind das kommerzielle Interessen? Oder ist es etwas ganz anderes?

Ich denke, es ist eine Mixtur aus mehreren Dingen. Ich sage es mal etwas schroff: Die Grunddimension des Religiösen ist beim Menschen verloren gegangen. Fragen wie: Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ein Leben nach dem Tod? – spielen keine Rolle mehr. Und deswegen versucht der Mensch in dieser Welt alles so perfekt wie möglich zu machen. Ich will das nicht völlig kritisieren. Aber die Tendenz, dass der Mensch alles perfekt machen will, ist natürlich ein Problem. Jetzt kommt der zweite Aspekt hinzu. Die Wirtschaft, die sagt: Wir bieten hier etwas an und ihr wollt doch auf Nummer sicher gehen. Also macht das doch. Ich habe das ganz stark miterlebt bei der ganzen Frage nach Nabelschnurbanken. Dem Kind soll nach der Geburt Nabelschnurblut entnommen werden, damit man es später vielleicht einmal mit den Stammzellen therapieren kann. Da gibt es dann Banken vom Staat und private Banken. Die privaten Banken haben mit der Angst der Eltern relativ viel Geld verdient, die dachten, wenn wir das jetzt nicht machen, ist später einmal alles verloren. Wir haben damals dazu ein Papier für die europäische Ethikberater-Gruppe gemacht und aufgezeigt, dass dies nur in ganz wenigen Fällen, nämlich in einer Größenordnung von 1 : 1 000 000 überhaupt zum Tragen kommt. Also es ist ein Mix aus dem Verlust von Grundorientierung, der Angst von Eltern und der Wirtschaft, die sich auf diese Angst draufsetzt. Ganz deutlich wird dies auch bei der IVF. Ein Versuch kostet da rund 5 000 Euro. Oft muss man zwei, drei Versuche machen. Dann sind wir schon bei 15 000 Euro. In Amerika ist aus der IVF ein Milliarden-Geschäft geworden. Ich will es mal so formulieren: Die Wirtschaft setzt bei der Versuchbarkeit des Menschen an und sagt: Also wenn ihr Angst habt, da können wir euch etwas anbieten.

Was muss ein Gesetzgeber tun, um dem Ursachen-Cocktail wirksam zu begegnen, den Sie gerade beschrieben haben? Wer sich die Gesetzgebungsverfahren in Europa anschaut, die auf dem Feld der Biopolitik auf den Weg gebracht wurden, der kann den Eindruck bekommen, die Parlamente suchten sich beim Ringen um die liberalsten Gesetze jeweils zu überbieten.

Also, das ist schon eine Lawine, die im Laufen und nicht aufzuhalten ist. Ich sehe das ja auch in der österreichischen Bioethikkommission. Da wird immer mit argumentiert, wenn wir es verbieten, sagen wir die PID oder die IVF für gleichgeschlechtliche Paare, dann fahren die Leute eben nach Bratislava und lassen es dort machen, also wollen wir es auch. Das ist natürlich ein schwaches ethisches Argument. Man sagt ja nicht, weil die Chinesen die Todesstrafe haben, wollen wir sie auch einführen. Und da plädiere ich immer ganz stark dafür, dass eine Gesellschaft und die einzelnen Bürger sich fragen müssen, was wollen denn wir Deutsche oder wir Österreicher für eine Gesellschaft haben? Welche Gesellschaft wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Wie sollen junge Menschen in einer neuen Gesellschaft aufwachsen, sagen wir mit zwei Müttern oder zwei Vätern? Das muss jedes Land oder vielleicht sogar jede Region – in der Schweiz gibt es die Volksabstimmung in jedem Kanton – entscheiden.

Also das Positive an dieser Entwicklung ist, dass der Mensch aufgerufen ist, mehr über das eigene Leben nachzudenken, mehr seine Selbstverantwortung wahrzunehmen und mehr in seinem eigenen Land dafür zu kämpfen, dass dort Gesetze gemacht werden, die unsere ethischen Maßstäbe schützen.

BRAC-1: BReast CAncer 1 oder Brustkrebsgen 1. Gen, das zur Klasse der Tumorsuppressorgene gehört. Mutationen dieses Gens erhöhen Studien zufolge das Risiko von Frauen, im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken.

Epigenetik: Spezialgebiet der Biologie, das sich mit den vererbbaren Zelleigenschaften befasst, die nicht durch die DNA-Sequenz festgelegt werden.

IVF (In-Vitro-Fertilisation): Verfahren, bei dem eine Eizelle extrakorporal mit aufbereiteten Spermien befruchtet wird.

Phenylketonurie: Stoffwechselerkrankung, bei der die Betroffenen die Aminosäure Phenylalanin nicht ausreichend abbauen können. Unbehandelt kann die Störung zu geistigen Entwicklungsstörungen und Epilepsie führen. Rechtzeitig erkannt kann sie durch eine eiweißarme Diät so erfolgreich behandelt werden, dass keines der Symptome auftritt.

PID (Präimplantationsdiagnostik): Sammelbegriff für eine Reihe von zellbiologischen und molekulargenetischen Untersuchungen, denen künstlich erzeugte Embryonen im Labor unterzogen werden. Ziel der PID ist, nur solche Embryonen auf die Mutter zu übertragen, die genetisch unauffällig sind. DT/reh

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