Politik

Leitartikel: Orthodoxes Wasser auf die Mühlen Putins

Das Narrativ, das die russisch-orthodoxe Kirche zur Ukraine-Frage verbreitet, spielt den politischen Interessen des russischen Präsidenten in die Hände. Von Stephan Baier
Stephan Baier ist Redakteur der "Tagespost"

Zum orthodoxen Weihnachtsfest wurde in Istanbul Kirchengeschichte geschrieben. Als Ehrenoberhaupt der Welt-Orthodoxie verlieh der Ökumenische Patriarch Bartholomaios der „Orthodoxen Kirche in der Ukraine“ die volle kirchenrechtliche Unabhängigkeit, die Autokephalie. Bis zuletzt hatte sich das Moskauer Patriarchat dagegen gestemmt – mit der Aufkündigung der Eucharistiegemeinschaft, mit wüsten Drohungen und scharfen Appellen.

Der Konflikt zwischen dem „zweiten Rom“ und dem aus russischer Sicht „dritten Rom“ betrifft nicht allein die Ukraine. Es geht um die globale Stellung des Ökumenischen Patriarchen: Bartholomaios beansprucht „das Recht und Privileg“, die Autokephalie zu verleihen, Kyrill bestreitet dies. Die theologische Frage nach dem Amt der Einheit trennt nicht nur die katholische von der orthodoxen Welt, sie spaltet die Orthodoxie. Wer dafür nun Konstantinopel die Schuld gibt, sei daran erinnert, dass Moskau 2016 das panorthodoxe Konzil auf Kreta kurzfristig boykottierte. Wieviel politisches Kalkül in diesem kirchlich begründeten Vorgehen lag, lässt sich nur ahnen.

Gleiches gilt für das Agieren des Moskauer Patriarchats heute: Das Narrativ, das die russische Orthodoxie verbreitet, spielt den Interessen des russischen Präsidenten in die Hände. Patriarch Kyrill beansprucht die Ukraine als Teil seines „kanonischen Territoriums“, als sei dies ewig und der Geschichtlichkeit entzogen. Dem entspricht Wladimir Putins Ideologie der „russischen Welt“, aufgrund derer er ein Mitspracherecht in den Staaten jenseits der Grenzen Russlands beansprucht. Die russische Orthodoxie, die sich zuhause in der Rolle der Staatskirche gefällt, wirft Bartholomaios vor, politisch zu agieren. Er habe sich vom ukrainischen Präsidenten und von den USA zur ukrainischen Autokephalie überreden, ja bestechen lassen, sagt das kirchliche Moskau. Das korrespondiert mit der Propaganda Putins, die der Welt einreden will, der Westen verfolge eine anti-russische Strategie, gegen die man sich zur Wehr setzen müsse. Kyrills Außenamtschef, Metropolit Hilarion, behauptet, Bartholomaios führe mit der Verleihung der Autokephalie einen Auftrag Washingtons aus. Dabei handle es sich um ein großes „geopolitisches Projekt“, das darauf abziele, einen Keil zwischen Moskau und Kiew zu treiben und Russland zu schwächen. Das entspricht der Sicht Putins und seines Außenministers Lawrow.

Dazu kommt, dass das Moskauer Patriarchat vor einer Verfolgung der „legitimen Kirche“ in der Ukraine (der Orthodoxie des Moskauer Patriarchats) warnt, ja die Religionsfreiheit im Nachbarland in Gefahr wähnt. Das ist Wasser auf die Mühlen der Putin-Propaganda, die die Rechtsstaatlichkeit des ukrainischen Staates und die Legitimität seiner Regierung in Zweifel zieht. Für Putin und Lawrow, die sich entschlossen zeigen, die Rechte aller Russen und Russischsprachigen zu verteidigen, ist eine befürchtete Verfolgung russisch-orthodoxer Kleriker in der Ukraine ein Anlass zur Intervention, jedenfalls zur Fortsetzung der seit 2014 betriebenen Destabilisierung des ukrainischen Staates. Die Briefe und Stellungnahmen Kyrills zur Ukraine lassen die russische Aggression als legitime Notwehr gegen eine vom Westen ausgehende Bedrohung erscheinen. Die Logik Kiews ist anders: Hier sieht man die kirchliche Selbstständigkeit als Krönung der staatlichen Souveränität, also als Konsequenz aus dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.

 

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