Leitartikel: Liturgie für Fortgeschrittene

Von Regina Einig
Regina Einig
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Kardinal Robert Sarah stellt die Weichen für eine Reform der Liturgiereform im Sinne Benedikts XVI.: Seine Empfehlung, das Messopfer ab dem ersten Advent in Richtung Osten zu feiern (Seite 6) und die Kommunion auf Knien zu empfangen zielt auf eine erneuerte Haltung der Gemeinde ab. Es ist eine Chance, sich klarer vor Augen zu halten, dass sich die Gläubigen in der Liturgie nicht selbst feiern, sondern mit dem Priester an der Spitze ihrem Erlöser entgegengehen. Dass Kardinal Sarah keinen Alleingang wagt, sondern Seite an Seite mit Papst Franziskus die liturgische Linie seines Vorgängers weiter ausziehen will, geht aus den Vorbereitungen der Polenreise hervor: Zum ersten Mal wird die Abschlussmesse des Weltjugendtags in lateinischer Sprache zelebriert. Damit legt der Papst nicht einfach den Hebel um. Aber er trägt einer positiven nachkonziliaren Entwicklung Rechnung. Gerade unter jungen Gläubigen wächst der Wunsch nach einem seriösen Umgang mit den Konzilsbeschlüssen. Liturgie als kreative Spielwiese der Gemeinde ist für viele out, die eucharistische Anbetung prägt ihre Spiritualität.

Die Öffnungen für den klassischen römischen Ritus während der Pontifikate Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. haben Früchte getragen. Für viele junge Menschen ist die lateinische Messe ein Zugang zum Glauben und zum Gebet. Weltkirchlich betrachtet, sind auch die Überarbeitung und Einführung des römischen Messbuchs sowie die Kontakte mit traditionsbewussten kirchlichen Gemeinschaften nicht spurlos an den Gläubigen vorbeigegangen – regionale Unterschiede bleiben natürlich. Insofern ist nicht zu befürchten, dass die Kirche nun in die Fehler der sechziger und siebziger Jahre zurückfällt und durch abrupte liturgische Änderungen die Feier des Mysteriums auf eine Art Menschenwerk herunterzubrechen. Der Sinn für die überlieferten Formen ist gewachsen und nicht verordnet worden. Alles andere wäre mit einer Reform der Liturgiereform im Sinne Benedikts XVI. absolut unvereinbar. Kein Papst hat eindringlicher vor liturgischen Parforceritten gewarnt als Benedikt XVI.

Kardinal Sarahs Kritiker übersehen, dass sich das liturgische Bewusstsein der Gläubigen seit dem Konzil nicht gleichförmig weiterentwickelt hat. Die Voraussetzungen sind höchst unterschiedlich. Nach den Pontifikaten Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. ähneln die Ortskirchen Schülern, von denen manche aufmerksam zugehört haben und andere mit Lücken kämpfen. Beide unterschiedslos über einen Kamm zu scheren führt in die Irre. Die Bischofskonferenzen haben ihre liturgischen Hausaufgaben für die englisch-, französisch- und spanischsprachigen Gläubigen immerhin soweit erledigt, dass das Missale Romanum Pauls VI. in der überarbeiteten Neuauflage eingeführt werden konnte oder sein Inkrafttreten in Sichtweite ist. Das anzuerkennen ist auch pädagogisch geboten: Die Kirche darf sich nicht an den Trägen ausrichten. Sie muss Freiräume für das geistliche Wachstum der Gläubigen sicherstellen – und dabei spielt die Liturgie eine zentrale Rolle.

Es ist kein Zufall, dass der erste Bischof, der Kardinal Sarahs Vorschlag fristgerecht umsetzen will, aus Frankreich kommt und den klassischen römischen Ritus schätzt. Das Zusammenspiel beider Formen des Ritus fördert den Sinn für die Reform der Reform. In Deutschland drängt nun die Aufgabe, endlich die Einführung des neuen Messbuchs katechetisch vorzubereiten.

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