Berlin

Leitartikel: Gewogen und für zu leicht befunden

Bei der Neuregelung der Organspende hatten die Abgeordneten die Wahl zwischen dem richtigen und dem leichten Weg. Sie entschieden weise.
Bundestag stimmt über Organspende ab
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Beide Gesetzentwürfe, die vergangene Woche zur Organspende im Bundestag zur Abstimmung standen, verfolgten das Ziel, die Zahl der Organspender zu erhöhen. Die Abgeordneten entschieden sich für den richtigen weg.

Niemand kann den Abgeordneten des Deutschen Bundestags vorwerfen, der Perspektive derer, die zum Weiterleben auf ein fremdes Organ angewiesen sind, zu wenig Beachtung geschenkt zu haben. Schon deshalb nicht, weil beide Gesetzentwürfe, zwischen denen sich die Parlamentarier vergangenen Donnerstag entscheiden sollten, dasselbe Ziel verfolgen: Die Zahl derer zu steigern, die bereit sind, ihre Organe zu spenden, wenn Ärzte bei ihnen einen Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen diagnostizieren. Auch dass Verfechter der Widerspruchsregelung bei dem Bemühen, Patienten ein Gesicht zu geben, die auf ein lebensrettendes Organ warten, sich derart ins Zeug legten, dass die Grenze zur emotionalen Erpressung hier und da verschwamm, gehört vermerkt. Skandalisieren muss man es in einer Versammlung von Erwachsenen, die um das Arsenal rhetorischer Waffen weiß, nicht.

Es gibt Umstände, die einen Hirntod nur vortäuschen

Völlig anders verhält es sich jedoch mit der von Befürwortern der Widerspruchsregelung in zahlreichen Varianten vorgetragenen Behauptung, das Leid solcher Patienten rechtfertige es, von jedem Mitbürger eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu verlangen. Dem ist mitnichten so. Nicht nur, weil jeder das Recht auf körperliche Unversehrtheit besitzt und niemand ein Anrecht auf ein fremdes Organ hat. Sondern auch, weil eine solche Entscheidung verantwortbar nur treffen kann, wer über den Verlauf einer Hirntod-Diagnostik und der anschließenden Organspende hinreichend informiert ist. Doch genau davon kann hierzulande bisher keine Rede sein.

Wer weiß schon, dass der Hirntod als Kriterium für die Entnahme lebenswichtiger Organe zwar weltweit akzeptiert, seine Gleichsetzung mit dem Tod des Menschen jedoch unter Fachleuten heftig umstritten ist? Wer, dass es Umstände gibt, die einen Hirntod nur vortäuschen? Wer, dass der Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen deshalb nur sicher diagnostiziert werden kann, wenn bei Schwerst-Schädel-Hirnverletzten zuvor Schmerz- und Beruhigungsmittel abgesetzt wurden? Wer, dass Hirntote kein einziges der sicheren Todeszeichen aufweisen, dafür aber viele Lebenszeichen?

Bürger wissen wenig über relevante Fakten

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Wie wenig die Bürger über diese und andere relevanten Fakten wissen, illustriert die absurde Tatsache, dass viele der wenigen, die ihre Bereitschaft zur Organspende auf einem Organspenderausweis dokumentieren, in ihrer Patientenverfügung zugleich Maßnahmen ausschließen, die dabei zwingend erforderlich wären. Ein Staat, der nicht bereit ist, seine Bürger umfassend über die Umstände einer Organspende aufzuklären, verwirkt jedes Recht, eine diesbezügliche Entscheidung von ihnen zu verlangen.

Auch ohnedies gilt: Ein so intimer Akt, wie der Verzicht auf körperliche Unversehrtheit und die Bereitschaft, seinen letzten Atemzug auf dem OP-Tisch umringt von Chirurgen, statt im Sterbebett umgeben von Angehörigen zu tun, bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Betreffenden. Wer meint, sich darüber hinwegsetzen zu können, offenbart ein Menschenbild, das dem des Grundgesetzes zumindest nicht vollumfänglich entspricht. Die Würde der Person endet nun einmal nicht mit dem Eintritt in die Sterbephase. Dass eine deutliche Mehrheit der Volksvertreter dies bekräftigt und die so bequeme wie inakzeptable Widerspruchsregelung verworfen hat, darf die Vertretenen mit Stolz erfüllen.

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