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Der Letzte seiner Art? Von Stefan Meetschen

Es steht zurzeit nicht gut um das Image der alten, weißen Männer. Sie gelten als homophob. Wenigstens latent nationalistisch. Anfällig für Populismus. Helmut Schmidt (1918–2015) war bereits ein ziemlich alter, weißer Mann, als er 1993 im Windschatten der Wiedervereinigung mit Freunden in Weimar die Deutsche Nationalstiftung gründete, und er war noch älter, als diese Stiftung im Jahr 1997 zum ersten Mal den „Deutschen Nationalpreis“ verlieh. Damals ging der Preis zwar nicht an einen alten, weißen Mann, sondern an die Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden. Danach aber waren jede Menge alter, weißer Männer unter den Preisträgern: Wolf Biermann zum Beispiel. Wolf Jobst Siedler. Erich Loest. Václav Havel.In diesem Jahr heißt der Preisträger Rüdiger Safranski, und der 73-Jährige ist für manche Kulturkritiker in Deutschland, die sich als Beauftragte für das richtige Menschsein und politische Denken verstehen, geradezu die Inkarnation des bösen, alten, weißen Mannes. Nicht wegen seiner Bücher über das Böse, über Goethe, Schiller, Nietzsche, Schopenhauer und Heidegger, sondern wegen seiner von Anbeginn kritischen Auslassungen zur sogenannten „Willkommenskultur“ und seiner deutlichen Warnung vor dem Versuch, den Islam in Deutschland oder Europa integrieren zu wollen.

Doch mögen sich jetzt auch einige lautstark über den Preisträger empören und ihn diffamierend in die Nähe der Neuen Rechten zu rücken versuchen – eigentlich müssten sie dankbar sein. Wenn jemand, der so konsequent die Merkellinie überschritten hat wie Rüdiger Safranski, im Jahr 2018 von der Deutschen Nationalstiftung einen solchen Preis erhält, dann widerlegt dies doch recht elegant das Verschwörungsgeraune von einer „Meinungsdiktatur“, das gerade in neurechten Kreisen häufig angestimmt wird. So schlimm kann es um die politische Kultur, die Freiheit der politischen Debatte in Deutschland und Europa wohl doch noch nicht bestellt sein, wenn ausgerechnet Safranski an so exponierter Stelle geehrt wird. Oder ist er der letzte alte, weiße Mann unter den Preisträgern?

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Arthur Schopenhauer Erich Loest Friedrich Nietzsche Helmut Schmidt Johann Wolfgang von Goethe Rüdiger Safranski Václav Havel Wolf Biermann Wolf Jobst Siedler

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