Washington

"Ich wähle republikanisch, weil ich Christ bin"

Wo Donald Trump schon jetzt besser abschneidet als sein republikanischer Vorgänger George W. Bush, warum die US-Linke Willkür über rechtsstaatliche Prinzipien stellt – und warum Trumps Chance auf einen Wahlsieg darin liegt, dass es politisch inkorrekt ist, ihn zu wählen. Ein Gespräch mit dem langjährigen US-Diplomaten Todd Huizinga.
Wahlkampf in den USA - Trump
Foto: Alex Brandon (AP) | Für viele Konservative ist Donald Trump eine Lichtgestalt. Ob er weiterhin die Fackel der Republikaner hochhalten darf, zeigt sich am 3. November.

Herr Huizinga, die letzten Monate waren sehr turbulent für Präsident Trump. Das übliche Chaos zum Ende einer Amtszeit – oder unterscheidet sich die derzeitige Lage von den „heißen Phasen“ anderer Präsidentschaften?

Die letzten Monate waren viel bewegter als üblich. Zunächst einmal wegen der Coronavirus-Pandemie. Vom wirtschaftlichen Aufschwung ist kaum noch etwas zu spüren. Gut möglich, dass die Wähler Donald Trump dafür verantwortlich machen, was völlig unberechtigt wäre. Niemand hätte etwas dagegen tun können. Doch Trumps Umgang mit der Coronakrise ist bei den Wählern nicht sehr beliebt. Sie trauen Joe Biden eher zu, die Pandemie in den Griff zu bekommen.

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Dann erschütterten im Sommer Antirassismusproteste und Unruhen wegen Polizeigewalt die USA in einem Maße, wie seit den 80er Jahren nicht mehr. Man zweifelte an der Stabilität des Landes. Verschärft wird das durch eine überbordende politische Korrektheit: Polizisten werden pauschal als rassistisch gebrandmarkt und haben daher Angst, gegen Kriminelle vorzugehen. Auf die Protestwelle folgte eine Kriminalitätswelle.

Hinzu kommen der Wahlkampf und die unglaubliche politische Spaltung im Land. Die Leute sprechen kaum mehr miteinander, wenn sie politisch nicht einer Meinung sind. Natürlich trägt der großspurige, bombastische Trump dazu bei. Aber die Spaltung liegt nicht an ihm, sondern am generellen Zustand des Landes.

Die Spaltung, die sie angesprochen haben, ist ja auch bei religiösen, christlichen Wählern zu spüren. Religiös-konservative haben seit 2016 überwiegend zu Trump gehalten, linksliberale zu Clinton...

Republikanische Wähler sind heute quasi deckungsgleich mit denen, die treu der überlieferten Lehre ihrer Kirche folgen – bibeltreue Evangelikale, praktizierende Katholiken, die regelmäßig die heilige Messe besuchen. Diejenigen, die nur dem Namen nach religiös sind, aber eigentlich nicht wirklich glauben, wählen die Demokraten. Die Differenzierung besteht darin, dass das nicht so sein müsste. Denn es herrscht eigentlich ein Unterschied zwischen politisch konservativ und religiös konservativ. Trotzdem deckt sich das in der amerikanischen Politik relativ gut.

Wird das auch bei der kommenden Wahl zu beobachten sein? Ob gläubige Wähler Trump oder Biden unterstützen, hängt davon ab, wie stark sie ihren Glauben praktizieren?

"Mehr als zwei Drittel der regelmäßigen Kirchgänger
stimmen für die Republikaner, zwei Drittel
der Nicht-Kirchgänger für die Demokraten"

Ich denke schon. In der Vergangenheit waren die Demokraten mehr oder weniger die Partei der Arbeiterklasse, die Republikaner die der Geschäftsleute. Das ist heute nicht mehr so. Um einzuschätzen, welche Partei jemand wählt, ist es neben der Hautfarbe zu einem der besten Maßstäbe geworden, ob der Wähler regelmäßig in die Kirche geht. Mehr als zwei Drittel der regelmäßigen Kirchgänger stimmen für die Republikaner, zwei Drittel der Nicht-Kirchgänger für die Demokraten.

Für viele konservative Christen ist die Abtreibungsfrage das entscheidende Kriterium. Diesmal auch?

Die Abtreibungsfrage ist sicher ein Kriterium. Jedoch wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche gesellschaftliche Fragen politisiert. Denken Sie an die Legalisierung der Homo-„Ehe“ oder die Debatte um Gewissensfreiheit. All diesen Fragen wird seit etlichen Jahren politisch Vorrang eingeräumt. Im eigentlichen Sinne handelt es sich aber um moralisch-religiöse Fragen. Dass die Republikaner die Seite der Gläubigen eingenommen haben und die Demokraten die der Säkularen, hat maßgeblich zur Spaltung geführt.

Donald Trump hat drei Richter ernannt, von denen sich Konservative ein neues Grundsatzurteil zu Abtreibung erhoffen. Wie bewerten Sie Trumps Lebensschutz-Politik?

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Donald Trump ist in Sachen Lebensschutz der beste Präsident seit dem Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“. Und das ist 47 Jahre her. Ich glaube, ich spreche für die überwiegende Mehrheit der gläubigen Protestanten und Katholiken, wenn ich sage: Zugegeben, Trump ist schroff im Auftreten, er hat eine große Klappe, er sagt manchmal Dinge, die er besser nicht sagen sollte. Viel wichtiger ist jedoch, dass er sein Versprechen gehalten hat, sich für den Lebensschutz einzusetzen. Er hat nicht nur drei konservative Supreme-Court-Richter ernannt, sondern fast 200 weitere in den gerichtlichen Vorinstanzen. Viele Beobachter in Europa verstehen das nicht. Es geht nicht um die Persönlichkeit des Mannes, sondern um seine Leistungen für den Lebensschutz und andere konservative Anliegen.

Kritiker werfen ihm oft vor, damit nur seine Kernwähler zufriedenzustellen, persönlich jedoch kaum Interesse an konservativen Anliegen zu zeigen.

Ein interessanter Einwand, den man aber bei jedem Politiker einwerfen könnte. Er berührt in gewissem Sinn das Grundverständnis des Menschen. Hinter der Motivation eines jeden Menschen verbirgt sich doch eine Mischung aus Eigeninteresse und aufrichtiger Überzeugung. Man wägt einerseits ab, was man glaubt, andererseits, in welcher Situation man sich befindet, und wie man seine persönlichen Ziele erreichen kann. Ich glaube, dass diese Mischung auch bei Politikern festzustellen ist.

Spielt die Überzeugung denn überhaupt eine Rolle? Oder zählt letztendlich das Ergebnis?

"Donald Trumps Ertrag im Lebensschutz
ist viel größer als bei anderen Präsidenten"

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, heißt es im Matthäusevangelium. Und Donald Trumps Ertrag im Lebensschutz ist viel größer als bei anderen Präsidenten. Auch größer als bei George W. Bush, obschon ich keine Zweifel hege, dass Bush persönlich überzeugt pro life ist. Er hat auch gute Sachen vollbracht, aber nicht so viele wie Donald Trump.

Trumps Ernennung der katholischen Richterin Amy Coney Barrett wurde von Konservativen bejubelt, von Progressiven heftig kritisiert. Das war auch schon bei seinen vorherigen Kandidaten der Fall. Nehmen Sie eine zunehmende Politisierung der Judikative wahr?

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Ja. Und das ist zweifelsohne ein progressives Phänomen, kein konservatives. Es liegt aber weniger an den Richterernennungen, sondern vielmehr daran, dass die Progressiven die Vorstellung einer lebendigen Verfassung pflegen, anstatt sich an der geschriebenen Verfassung festzuhalten. Sie meinen, man müsse die Verfassung immer neu interpretieren, je nach den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Umständen. Das hört sich vielleicht gut an, heißt aber in der Tat, dass linke Richter Gesetze nach ihrem Gutdünken auslegen. Was im Endeffekt Willkür an die Stelle rechtsstaatlicher Prinzipien setzt.

Aber kann man tatsächlich das Bild der USA, das die Gründerväter vor 250 Jahren hatten, auf die heutigen Vereinigten Staaten anwenden? Muss man nicht eine gewisse Weiterentwicklung eines Landes und seiner Gesellschaft berücksichtigen?

Bis zu einem gewissen Punkt sicherlich. Es gibt ja auch etliche Verfahren, wie man die Verfassung ändern kann, um sich der Zeit anzupassen. Wir haben das in unserer Geschichte mehr als 20 Mal getan durch die sogenannten „Amendments“. Außerdem ist die Verfassung ja größtenteils kein Dokument, das eine bestimmte Politik befürwortet, sondern sie setzt einen technischen, philosophischen Rahmen für eine freiheitliche Demokratie. Politische Fragen aber sollten nicht in der Jurisprudenz gelöst werden, sondern durch die gewählten Vertreter des Volkes im Kongress und durch den Präsidenten.

Die Republikanische Partei hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr hinter Trump gestellt, innerparteiliche Kritiker wurden weniger. Wie müssen sich die Republikaner langfristig entwickeln, um auch nach Trump erfolgreich zu sein?

"Ich hoffe natürlich, dass es so schnell
keine Post-Trump-Ära geben wird"

Das ist eine gute Frage. Zwei Dinge fallen mir ein: Sie müssen sich um den normalen Menschen, den Durchschnittsbürger, kümmern, nicht um eine abgehobene Elite. Man darf kein „Marktfundamentalist“ mehr sein, wie noch Ronald Reagan in den 80er Jahren. Nichts gegen die freie Marktwirtschaft – Trump befürwortet sie ja auch. Aber die Wirtschaftspolitik muss den Leuten im Hier und Jetzt helfen. Wenn eine große Gruppe von Menschen abgehängt wird, durch die Globalisierung, durch eine Verschiebung vom Industrie- zum IT-Sektor, dann kann man das politisch und moralisch nicht einfach akzeptieren. Das müssen die Republikaner erkennen – und ich glaube, sie haben das auch bereits erkannt, – wenn sie nach Trump weiter erfolgreich bestehen wollen. Aber ich hoffe natürlich, dass es so schnell keine Post-Trump-Ära geben wird.

Und zweitens...

Zudem ist der Kampf für die Redefreiheit wichtig, eine klassisch republikanische Freiheit. Die linke Seite propagiert immer mehr politische Korrektheit und Identitätspolitik. Man will den Menschen vorschreiben, was sie zu tun, zu denken und zu sprechen haben. Das kommt einer massiven Bedrohung für die Redefreiheit gleich. Die Republikaner müssen einsehen, dass dies das eigentliche Problem ist.

Dass Sie als gläubiger Evangelikaler nicht Joe Biden wählen, kann man heraushören. Dennoch: Können Christen guten Gewissens auch für ihn stimmen?

Todd Huizinga
Foto: privat | Todd Huizinga diente als amerikanischer Diplomat von 1992-2012. Er ist Präsident des Center for Transatlantic Renewal und Senior Fellow für Europa für das Religious Freedom Institute.

Eine sehr gute Frage. Ich will nicht den gleichen Fehler begehen wie die Progressiven und sagen: Ihr müsst politisch denken wie ich, sonst seid ihr keine Christen. Für uns Christen ist es wichtig, in der politischen Lage dieser Zeit den christlichen Glauben zum Fundament des guten menschlichen Umgangs zu machen. Und dazu gehört, dass man in jedem das Menschliche sieht, dass ein jeder nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Und dass man sich eingesteht: In meinem Wissen bin ich begrenzt.

Den Glauben Joe Bidens in Zweifel zu ziehen halten Sie also für falsch?

"Ich könnte niemals Joe Biden wählen.
Er vertritt so viele Positionen, die nicht christlich sind.
Aber es gibt Christen, die anders denken."

Wir müssen die Menschen respektieren und dürfen ihnen nichts absprechen, weil sie politisch anders denken. Ich wähle die Republikaner, weil ich Christ bin. Ich könnte niemals Joe Biden wählen. Er vertritt so viele Positionen, die nicht christlich sind. Aber es gibt Christen, die anders denken. Ich respektiere sie, ich diskutiere mit ihnen und versuche, sie zu überzeugen, dass sie falsch liegen (lacht). Aber es sind genauso Christen wie ich.

Wagen Sie eine Prognose für den Wahlausgang?

Meiner Meinung nach ist die Wahl noch völlig offen. Viele Umfragen deuten darauf hin, dass Trump verliert. Aber in den Schlüsselstaaten, den „Swing States“, verringert sich der Unterschied zwischen Trump und Biden. Es gibt das Phänomen, dass man sich schämt, in gewissen Fragen politisch inkorrekt zu sein. Und es ist total politisch inkorrekt zu sagen, ich wähle Donald Trump. Aber es ist so viel passiert – Covid, die Rassenunruhen, Kriminalität –, dass die Wahl noch nicht entschieden ist.

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