Berlin/Wien

Hysterisierung spaltet die Gesellschaft

Die Kollateralschäden der Corona-Krise eskalieren: Der rationale Diskurs, der gesellschaftliche Frieden und die nötige Fehlerkultur sind in Gefahr. Ein Kommentar.
Coronavirus - Pop-Up-Impf-Ort in Tübingen
Foto: Marijan Murat (dpa) | Eine Impfling bekommt in einem Pop-Up-Impf-Ort seine Impfung mit dem Wirkstoff von Biontech verabreicht.

Die Corona-Krise (gemeint ist: Pandemie plus Maßnahmen plus Folgen) ist ein Stresstest für alle Regierungen und Gesellschaften, wie er der Mehrheit der Europäer in ihrer Lebenszeit nie widerfuhr. Dass er bis hierher gut bestanden wurde, lässt sich sicher nicht behaupten: Im 22. Monat der Krise ist weder die medizinische und epidemiologische Lage im Griff noch die wirtschaftliche oder psychische. Unbestreitbar ist, dass es viele Fehleinschätzungen gab, nicht nur in Medien und an Stammtischen, sondern auch von Regierungen und Wissenschaftlern. Daraus ließe sich bei gutem Willen zumindest lernen, dass wir nach dem Stand unseres jeweils aktuellen Wissens handeln – und handeln müssen.

Eine Tendenz zum Totalitären

Das lehrt die Bereitschaft zum Lernen und Umdenken, und führt im besten Fall zur Demut, Irrtümer und Fehler einzugestehen, ja sich dafür zu entschuldigen. Die Voraussetzung dafür ist, dass möglichst alle, jedenfalls aber die Träger gesellschaftlicher und politischer Verantwortung bereit sind, Argumente und Sichtweisen ernst zu nehmen, die nicht nur ihre bisherige Meinung bestätigen und bestärken, sondern nötigenfalls korrigieren, erweitern oder widerlegen. So funktionieren Wissenschaft und Lernen. Das Gegenteil spielt sich derzeit in unseren Gesellschaften, Medien und politischen Milieus ab. Nicht nur an Stammtischen und auf den wenig sozialen „Sozialen Medien“ wird gegeifert, gehetzt, verleumdet und verhöhnt. Das Motto scheint zu sein: Wer anderer Meinung ist, muss dumm, verrückt oder böse sein, denn es gibt nur eine richtige Antwort, Lösung und Option.

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Darin liegt eine Tendenz zum Totalitären: Tyrannen pflegen Widersacher und Widersprecher in Gefängnisse (weil böse) oder psychiatrische Anstalten (weil verrückt) einzuliefern und menschlich zu diskreditieren (als dumm). Bitte nicht falsch verstehen: Man kann voll geimpft sein, persönlich Menschen kennen, die an Covid-19 verstorben sind und wissen, dass Regierungen regieren müssen. Aber eben regieren, nicht hetzen, spalten, diffamieren, polemisch Schuld zuweisen, eigene Maßnahmen gegen Einwände tabuisieren, Menschen und Gruppen stigmatisieren. Die permanente Hermeneutik des Verdachts dominiert aber nicht nur auf einer Seite: Vielfach werden wir alle online wie offline etwa mit der These „aufgeklärt“, alle Politiker seien von der Pharmaindustrie gekauft und würden nur deshalb stufenweise den Impfdruck zum Impfzwang steigern.

Psychische und gesellschaftliche Folgen lange sträflich banalisiert

Die Corona-Krise ist kein Feuerwehreinsatz, bei dem kurz alle Vorfahrtsregeln außer Kraft gesetzt werden, sondern ein Lebensabschnitt. Die Aussetzung von Grund- und Freiheitsrechten, die Fixierung auf ein singuläres Problem und Ziel, das Regieren mittels kurzfristiger Verordnungen und die debattenfreie Verhängung von Maßnahmen wären für einen akuten, strikt befristeten Notstand zu rechtfertigen, nicht aber für eine Krise im zweiten und bald dritten Jahr. Ja, es wird mittel- und langfristige gesundheitliche Folgen dieser Krise geben, aber auch – zu lange sträflich banalisiert – psychische und gesellschaftliche. Die Depressionen, Angst- und Entwicklungsstörungen, die aus dieser Krise resultieren, werden uns noch Jahrzehnte beschäftigen. Die gesellschaftliche Spaltung, die durch Schuldzuweisungen, Polarisierung und Hetze wachsende Hysterisierung, die Beschädigung des rationalen Diskurses leider auch.

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