Addis Abeba

Hat das Christentum in Ostafrika eine Zukunft?

In Ostafrika schwelen mehrere Konflikte, bei denen ethnische und religiöse Probleme in gefährlicher Weise verflochten sind. Das Christentum könnte dort immer mehr in Gefahr geraten.
US-Sonderbeauftragter für das Horn von Afrika in Ägypten
Foto: Fadel Dawood (dpa) | Jeffrey Feltman (l.) ist US-Sonderbeauftragter für das Horn von Afrika. Seine Berufung unterstreicht, welche Bedeutung die Biden-Administration der Region beimisst.

Ein Sondergesandter für das Horn von Afrika - ein bedeutungsvoller Schritt dass die neue US-Administration unter Joe Biden im April dieses neue Position geschaffen hat. Auch dass diese Position mit Jeffrey Feltman besetzt wurde, einem besonders krisenerfahrenen und in Diplomatenkreisen hoch renommierten Fachmann, „to address the urgent crises in Ethiopia“, wie das Weiße Haus in seiner Benennung wörtlich mitteilte, ist kein Zufall. Höchst brisant ist, was Feltman gleich zu Beginn seiner Mission gesagt hat: Wenn der 110-Millionen-Staat Äthiopien im Bürgerkrieg versinke, würde der Bürgerkrieg in Syrien im Vergleich dazu wie ein Kinderspiel wirken. Auch das Magazin „Der Spiegel“ bereits im Februar gewarnt, eine Eskalation des Tigray-Konflikts könne „Blutbäder“ zur Folge haben.

Kein Land wie jedes andere

Äthiopien ist kein Land wie jedes andere in der krisengeschüttelten Region am Horn von Afrika. Schon in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum Staatsreligion im Reich von Aksum.

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Es gibt somit eine 1.700-jährige christliche staatliche Kontinuität am Horn von Afrika. Der Gründungsmythos des alten äthiopischen Kaiserreichs, der "salomonischen Dynastie" reicht sogar in alttestamentarische Zeiten zurück: Dem äthiopischen Nationalmythos zufolge war der erste Herrscher der Dynastie, Menelik I., Sohn der Königin von Saba und des jüdischen Königs Salomo – noch in der Verfassung von 1955 wird diese Legende bekräftigt. Faktisch und historisch erwiesen herrschte die salomonische Dynastie "nur" von 1270 bis 1974 – also stolze 700 Jahre – über das größte und mächtigste Land der Region.

Das äthiopische Kaiserreich verstand sich immer als christlicher Staat par excellence – das Christentum war Staatsreligion. So war es nicht überraschend, dass Europa schon früh auf den christlichen Kaiser in exotischen Fernen aufmerksam wurde. Das diffuse Bild von einem "Priesterkönig Johannes" das Otto von Freising im 12. Jahrhundert verbreitete, verdichtete sich in Richtung des äthiopischen Herrschers. Beide Seiten erkannten bald, dass eine Kooperation gegen den gemeinsamen Gegner, den Islam, naheliegend war – und im 16. Jahrhundert retteten mit Feuerwaffen gut ausgerüstete katholische Portugiesen das christliche Kaiserreich vor einer muslimischen Invasion. Äthiopien hat seinen christlichen Charakter bis heute bewahrt. Auch unter marxistischer Herrschaft [seit 1974] blieb die tiefe Frömmigkeit der christlichen Bevölkerung erhalten – in Äthiopien ebenso wie in Eritrea. Freilich nahm die Rolle der Muslime am Horn von Afrika an Bedeutung zu. Mit der Expansion Äthiopiens Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts waren immer mehr Muslime unter äthiopische Herrschaft gekommen, heute sollen sie mindestens 30 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen – in Eritrea haben sie einen Anteil von ca. 50 Prozent.

Ein gescheiterter Staat

Ein Konfliktherd, bei dem ethnische und religiöse Probleme in gefährlicher Weise verflochten sind, besteht im Osten Äthiopiens. In Ogaden ist die große Mehrheit der Bevölkerung somalisch und muslimisch. Dies hatte vor Jahrzehnten bereits zu heftigen Konflikten mit Somalia geführt. Somalia als solches ist als "failed state" also als gescheiterter, nicht mehr funktionierender Staat, heute keine Gefahr mehr für Äthiopien, sehr wohl jedoch die islamistischen Gruppen, die dort Angst und Terror verbreiten, betrachten sie doch das christliche Äthiopien als einen Hauptgegner.

Denn Äthiopien ist auch seit Jahren im Zuge des ,Krieges gegen den Terror?im somalischen Chaos präsent, zeitweise als einzige Ordnungsinstanz – nicht nur, um die USA zu unterstützen, sondern durchaus auch im ureigensten Interesse. Ein Übergreifen des islamistischen somalischen Terrors auf Ogaden, wo ethnische Bestrebungen mit religiösem Radikalismus zu einer gefährlichen Mischung verschmelzen könnten, wäre eine ernst zu nehmende Gefahr – nicht zuletzt sogar für den Bestand des äthiopischen Staates, denn auch in dessen Süden gibt es verschiedene ethnische Gruppen, die sich zum Islam bekennen.

In Ogaden war es bereits 2018 zu Attacken auf Christen gekommen, mehrere Priester wurden getötet. Aber auch in anderen Landesteilen nahmen in den vergangenen Jahren Angriffe auf Kirchen und Moscheen zu. In der kleinen Stadt Beshasha, Geburtsort von Ministerpräsident Abiy Ahmed, kam es 2006 zu einem regelrechten Christenmassaker – dramatische Zeichen für zunehmende Spannungen im Zeichen der Religion. Der Tigray-Konflikt, der im November 2020 eskalierte und immer noch nicht wirklich abgeschlossen ist, hatte zwar keine religiösen Wurzeln, aber er könnte als Katalysator wirken, das Land destabilisieren und andere Gruppen, gerade auch unzufriedene Muslime in einem immer noch christlich dominierten Land, aufstacheln. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder blutige Unruhen gegeben, die, obwohl sie bei uns kaum zur Kenntnis genommen wurden, bedrohliche Ausmaße annahmen und viele Todesopfer forderten. Opfer sind besonders oft christliche Amharen - denn sie werden von den Oromos, der mittlerweile größten ethnischen Gruppe im Land, als "Unterdrücker" und als "Herrenvolk" wahrgenommen. Auch die Ethnie der Tigray, deren TPLF 1991 bis 2018 die Regierung beherrschte, ist christlich. Abiy Ahmed, Ministerpräsident seit 2018, ist Sohn einer christlich-amharischen Mutter und eines oromo-muslimischen Vaters.

Gefahr eines christlich-muslimischen Konflikts

Aber da er eine Politik des Ausgleichs verfolgt, sehen ihn gerade radikale Oromos, die ausschließlich als Interessenvertreter ihrer Ethnie agieren, sehr kritisch. Es gibt sowohl einen großen christlichen als auch einen bedeutenden muslimischen Anteil unter den Oromos. Sollte Äthiopien auseinanderbrechen, wird es jedoch keinen religionsübergreifenden Oromo-Nationalismus geben, sondern es wird eine Polarisierung erfolgen. Nur so glauben sich die radikalen muslimischen Oromos die Unterstützung anderer muslimischer Gruppen gegen die [christlichen] Tigray und die [ebenfalls christlichen] Amharen sichern zu können.

Die Gefahr besteht, dass ein Zerfall Äthiopiens in einen christlich-muslimischen Konflikt ausarten könnte unter Beteiligung ausländischer Akteure, die hieraus Profit zu schlagen hoffen. Längst sind Investoren aus islamischen Ländern im Land, schon ist die Türkei in Somalia präsent.

Auch Eritrea – bisher von muslimisch-christlicher Gewalt weitgehend frei – könnte sich der Sogwirkung, die von der Auflösung seines Nachbarlandes mit über 100 Millionen Einwohnern, in dem 80 Sprachen gesprochen werden, ausgehen würde, nicht entziehen. Die radikalen islamischen Gruppen in Afrika – von den somalischen Shabab bis zum IS, der schon Niederlassungen bis in den Kongo  vorgeschoben hat – werden sich die Chance nicht entgehen lassen, durch Bündnisse mit lokalen Gruppen ihren Einfluss auch in diesem möglichen Konfliktherd auszubauen.

Für die Christen am Horn von Afrika könnte diese Entwicklung  zu einer Katastrophe führen, auch wenn anlässlich des Osterfestes Anfang Mai die Kirchen im Land zu einem friedlichem Miteinander aufgerufen haben.

Der Autor veröffentlichte im Februar „Das Horn von Afrika“ (Kohlhammer).

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