Wozu Geschichte?

Geschichtssicht des Christentum

Warum das Christentum eine fundamental andere Geschichtssicht hat als alle Religionen, Deismen und Atheismen.
Glaube und Geschichte
Foto: Konstantin Tronin (191023118) | Angesichts wachsender gesellschaftlicher Hysterisierung dürfen Christen gelassener werden: Gott bleibt der Herr der Geschichte, und die Bibel schildert uns eindrucksvoll, wie er mit minderbegabten Menschen und in ...

Es gibt Religionen, weil der in die Zeit geworfene Mensch von jeher nach dem Ewigen sucht. Das Christentum jedoch gibt es nur, weil der ewige Gott seinerseits den Menschen sucht. Gegen die heute selbst unter Christen weit verbreitete Häresie des Deismus zeigt uns die Heilige Schrift, dass Gott, der erste unbewegte Beweger, sich nach dem Schöpfungsakt nicht etwa in Urlaub begeben hat oder die der Geschichtszeit ausgelieferte Menschheit "am Ende der Zeiten" erwartet, etwa wie ein Hausmeister die Verreisten am Ende ihrer Reise. Vielmehr begleitet Gott sich mitteilend die Menschheit durch die Zeit: "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. In dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt hat und durch den er auch die Welt erschaffen hat" (Hebr 1,1-2).

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Die Bibel zeigt eine Zeit nutzende, also geschichtliche Pädagogik Gottes, der dem gefallenen und verirrten Menschen seinen Bund anbietet, ihn ruft und sendet, ihn leitet und korrigiert. Das Ziel dieser geschichtlichen Weggemeinschaft Gottes mit dem Menschen ist nach christlicher Auffassung die ewige Gemeinschaft des Menschen mit Gott. Ewigkeit ist aber nicht als Zeitstrecke ohne Ende, sondern als reine Gegenwart zu verstehen.

Der Islam kennt keine andere Brücke zwischen dem unerreichbar transzendenten Gott und dem Menschen, zwischen Schöpfer und Geschöpf, als Gottes rätselhaften Willen und des Menschen radikale Unterwerfung. Im Gegensatz dazu glaubt der Christ an die Menschwerdung Gottes. Anders als die "Inlibration" der göttlichen Weisung im Koran, braucht die Inkarnation des göttlichen Logos in Jesus von Nazareth Zeit: "Kommt her, folgt mir nach!" (Mt 4,19) Nachfolge aber bedeutet Aufbruch und Weggemeinschaft: physisch, also zeitlich. Der Glaube an den Eintritt des Ewigen in die Geschichte, des Schöpfers in die Geschöpflichkeit ist der unaufgebbare und uneinholbare Unterschied zwischen dem Christentum und all den spirituellen, religiösen oder ideologischen Heilslehren - zwischen Offenbarung und Religion.

Ewigkeit ragt in die Zeit herein

Nirgendwo verdichtet sich der Glaube an die Identität von Schöpfergott und Erlösergott poetischer als im Prolog des Johannesevangeliums, der zu Recht als Weihnachtsevangelium und als lichtreicher Schöpfungsbericht gelesen wird. Der Logos des Anfangs, durch den alles geworden ist, kam als das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt. In ihm schließt Gott seinen ultimativen Bund mit den Menschen: "Allen aber, die ihn (das Fleisch gewordene Wort Gottes) aufnahmen, gab er Macht Kinder Gottes zu werden." Der einzig wahre Sohn vermittelt unsere Gotteskindschaft.
Der Islam wie die aufklärerische Ideologie des Deismus scheinen die Ehre Gottes davor bewahren zu wollen, sich mit uns und unserer Schmuddelgeschichte die Hände dreckig zu machen. Doch genau das tut Gott: Vom Holz der Krippe bis zum Holz des Kreuzes liefert er sich wehrlos, ohnmächtig den Menschen aus; geboren in fremdem Stall, begraben in fremdem Höhlengrab.

Von Anfang an hat die Kirche darauf bestanden, dass es sich bei der Inkarnation nicht um ein mystisches Erleben oder philosophisches Erkennen handelt, so als inkarniere sich Göttliches in Zeitlichkeit mittels unserer mystischen Versenkung oder intellektuellen Leistung - erlernbar und wiederholbar. Inkarnation ist geschichtliches Wirken Gottes: an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Geschichtsgestalt (Lk 2,1-4) - unwiederholbar und unaustauschbar. Wäre sie nicht wirkliches, zugleich ungeschuldet souveränes Heilshandeln Gottes, dann fiele das gesamte Kartenhaus des Christentums zusammen.

Die Kirche ist darum kein exklusiver Club besonders begabter Mystiker, gescheiter Theologen oder liturgischer Experten, sondern "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott", und zwar auf Gottes freie Initiative hin. Sie ist das pilgernde Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit. Der Glaube an die Inkarnation wie an die Auferweckung Jesu bedeuten, wie Joseph Ratzinger formulierte, "an das Eschaton in der Geschichte glauben, an die Geschichtlichkeit von Gottes eschatologischem Handeln". Auferstehung habe "als Gottes eschatologisches Tun kosmischen Charakter und zukunftsbezogenen Charakter", so Ratzinger. Das bedeutet für die Kirche, dass sie in der Zeit ist (und relevant ist), aber nicht von der Zeit (und ihrem Geist unterworfen). 

Darum sagte Romano Guardini einst: "In der Kirche ragt die Ewigkeit in die Zeit herein  Gewiss hat sie zu jeder Zeit Beziehung; aber sie steht auch im Gegensatz zu jeder. Immer ist die Kirche unmodern  Immer wirft die Zeit ihr vor, sie wurzle in der Vergangenheit. Aber das ist falsch gesehen; in Wahrheit bedeutet es, dass die Kirche wesentlich überhaupt nicht der Zeit gehört." Die Kirche bezeugt vielmehr in jeder Zeit durch ihre schiere Existenz, dass das Wirken Gottes nicht "von gestern" ist. Sie pflegt nicht etwa die Erinnerung an einen Mann, der vor zwei Jahrtausenden vorbildhaft gelebt, gepredigt und gelitten hat. Die Kirche ist kein Geschichts- und Gedächtnisverein, weil Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben für den Menschen jeder Zeit ist.

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Er kann es sein, weil er zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch ist, weil er - anders als Buddha oder Mohammed, anders als die Propheten und Patriarchen - geschichtlich und gegenwärtig zugleich ist. Und zwar in der Weise, die Paulus in seinem Brief an die Kolosser beschreibt: "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, - alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand." (Kol 1,15-17). Das hat weitreichende Folgen für unser Geschichts-, Welt- und Selbstverständnis.

Geschichte ist nie nur Entfremdung

Zunächst scheint das Schicksal des Glaubens ja eingebettet zu sein in Weltgeschehen. Kirchengeschichte ist eingebettet in Profangeschichte: beginnend mit Jesu Sendungsauftrag und Pfingsten   und vielleicht irgendwann endend. Paulus aber weitet unseren Blick für jene Wirklichkeit, die auch der Johannesprolog poetisch schildert: Weltgeschichte ist eingebettet in Heilsgeschichte - nicht umgekehrt! Der Logos des Anfangs, durch den alles geworden ist (Joh 1,3), ist auch das Ziel unseres Lebens. Das Sein ist Sinn!

Das ist eine mehrfach befreiende Botschaft: Sie befreit von der Manie, alles selbst retten, richten, lösen oder erlösen zu müssen. Zugleich auch von einem Fundamentalismus, der meint, Geschichte ignorieren und entweder (wie der islamische Salafismus) zu einem idealen Nullpunkt zurückkehren oder (wie der Kommunismus) zu einem ideal gedachten Utopia voranschreiten zu können. Geschichte ist nie nur Entfremdung des Menschen, sondern immer auch Heilsgeschichte, weil Gott sich auch nach Christi Himmelfahrt nicht von seinem Volk zurückgezogen hat. Christen vertrauen bleibend auf die Zusage Jesu: "Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen." (Joh 16,13)
Christen leben mit der biblischen Erkenntnis, dass Gott der Herr und das Ziel der Geschichte bleibt - und zwar der Geschichte unseres eigenen Lebens wie der Menschheitsgeschichte als ganzer. In beiden Fällen wissen wir nicht, wie es weitergeht, aber wie es ausgeht.

Christen dürfen gelassener werden

Angesichts wachsender gesellschaftlicher Hysterisierung dürfen Christen gelassener werden: Gott bleibt der Herr der Geschichte, und die Bibel schildert uns eindrucksvoll, wie er mit minderbegabten Menschen und in äußerst vertrackten Lagen seine Pläne ausführt. Weil Gott Herr und Ziel der Geschichte ist, können wir zwar zeitdiagnostisch Frühling und Herbst von Epochen und Kulturen benennen, aber nicht insgesamt geschichtspessimistisch sein.

In diesem Sinn schrieb der Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, des seligen Karl aus dem Hause Habsburg, der europäische Visionär Otto von Habsburg im Jahr 1975: "Gott bleibt der Herr der Geschichte  Geschichte ist nicht das Walten blinder Kräfte. Wir sind Geschöpfe Gottes, wir sind nach seinem Ebenbild erschaffen und darum berufen, im Leben der Gemeinschaft nach bestem Wissen und Gewissen handelnd, an seinem Werk teilzunehmen. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Geschichte zu erdulden, sondern sie mit Gott zu formen."

Doch wie genau werden wir, die wir weder diktatorische noch monarchische Macht haben, geschichtsmächtig? Der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider wusste: "Wir wissen nicht und werden es auf Erden nie erfahren, welcher Sieg des Gottesreiches auf der letzten Kirchenbank von einem nie beachteten Beter oder in einer Krankenstube gewonnen wird." Geheimnisvoll ist der Mensch doch Mitarbeiter des ewigen Herrn der Geschichte.

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