Kongo

Gerettet aus den Kobalt- Gruben

Der Kobalt in Computern, Smartphones und E-Autos stammt größtenteils aus dem Kongo, wo China den Abbau kontrolliert: Eine Geschichte von Ausbeutung und Kindern – und mutigen Ordensschwestern, die dagegenhalten. 
Kinderarbeit in den Kobaldminen
Foto: Simon Kupferschmied | Geschätzt sind es 170 000 Menschen, die sich allein rund um Kolwezi in den informellen Minen verdingen. Darunter sind zahlreiche Kinder und Jugendliche.

Als der Schweiß und der Staub des Tages abgewaschen sind und es längst dunkel ist, bekommen die Unsichtbaren erstmals ein Gesicht. In einer Kaschemme von Kolwezi macht ein Handy die Runde. Darauf läuft ein Video aus einer der Minen der Stadt. Ein halbnackter Einheimischer liegt mit verbundenen Händen auf dem Boden. Ein Security-Mann mit Kalaschnikow über der Schulter schlägt mit einer Peitsche auf ihn ein. Im Hintergrund sagt dessen Vorgesetzter, ein Chinese, etwas auf Mandarin. Unterbrochen nur von einem einzigen Wort, das er immer wieder in der Landessprache Swahili wiederholt: „Piga! Piga!“ – Schlag zu!“

Die begehrtesten Erze der Erde 

Kolwezi ist eine 600 000-Einwohnerstadt im Südosten der nur dem Namen nach Demokratischen Republik Kongo und einer der fiebrigsten Orte Afrikas. Das liegt an einem „geologischen Skandal“, wie ein Experte das nannte, was sich dort unter der Erde auftut. Ein Reichtum an Mineralien, sobald man nur zu graben beginnt. Neben Kupfer ist es das Kobalt, das alles veränderte. Denn nirgendwo sonst auf der Welt lagert so viel von einem der begehrtesten Erze der Erde wie hier.

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Alles, was eine leistungsstarke Batterie besitzt und nach „grüner Zukunft“ klingt, braucht dieses Erz, besonders Laptops, Smartphones und insbesondere die boomenden Elektroautos. Zwei Drittel des global gehandelten Kobalts stammen aus dem Kongo, wo sich 80 Prozent aller bekannten Vorkommen befinden. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Fördermenge verdreifacht, die Preise gingen durch die Decke. Wer glaubt, das würde den Kongo reich machen, irrt jedoch. Kolwezi ist das Gegenteil von Dubai.

Chinas Kontrolle über das Kobalt

Selbst im Zentrum ist kaum eine der Straßen asphaltiert. Müll türmt sich auf den Wegen. Etliche der Kinder haben Blähbäuche. Das einzig verfügbare Wasser kommt aus Kanistern. Dafür ziehen sich kilometergroße Löcher durch die Stadt. Die Minen gleichen gigantischen, umgedrehten Maulwurfhügeln, die man selbst auf Satellitenaufnahmen sehen kann. In Kaskaden graben sich dort Bagger so groß wie Einfamilienhäuser in die Tiefe.

Einst waren diese Minen staatlich und hoch profitabel. Doch die Kleptokratie unter dem Gewaltherrscher Mobutu und seinem Nachfolger Kabila trieb sie in den Ruin. Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt. Wie an so vielen einträglichen Orten Afrikas, tauchten Chinesen auf, versprachen Straßen, Stadien und Spitäler und verlangten im Gegenzug die Kontrolle über das Kobalt. Kongos Staatsspitze flog nach Peking, nahm nicht einmal einen Übersetzer mit und unterschrieb dort das wichtigste Dokument seit Ende der belgischen Kolonialherrschaft.

...damit das, was dort geschieht, unsichtbar bleibt

Der „Deal des Jahrhunderts“ umfasst bloß sieben Seiten und sichert China den Zugriff auf 600 000 Tonnen Kobalt. Seither kontrolliert Peking 15 der 19 Minen im Kongo. In Kolwezi schufen sich die Chinesen eine abgeschottete Infrastruktur aus eigenen Siedlungen, Hotels und gar Casinos. Als Chefs sind sie gefürchtet, zahlen miserabel und karren für die guten Jobs ihre eigenen Leute aus Chinas her. Das sind die Bedingungen, unter denen Kobalt im Kongo industriell abgebaut wird. „Sauberes“ Kobalt, wie es dessen Abnehmer in den Weltkonzernen wohl nennen würden.

So ausbeuterisch das klingt, so wenig spiegelt es noch die Wirklichkeit in Kolwezi wider. Diese beginnt an den Zäunen der Minen, im Abraum der Gruben, an Bachbetten und Seen, deren Wasser angereichert ist mit Spuren von Kupfer und radioaktivem Uran. Überall dort, wo kein westlicher Beobachter hinkommen soll, damit das, was dort geschieht, unsichtbar bleibt. Als es nach etlichen Schwierigkeiten und Hürden dennoch gelingt, gefriert der Blick.

Familien im radioaktiven Uran 

Das Auge starrt auf zuvor noch nie Gesehenes. Es sind Hunderte Menschen, die schaufeln und schürfen, die wie Ameisen im Abraum der Minen schuften. Eine ganze gräuliche Mondlandschaft, in der junge Männer mit Spitzhacken völlig ungesicherte Schächte in die Tiefe treiben. Wo Frauen barfuß knöcheltief im Schlamm stehen und in praller Hitze gebückt den ganzen Tag Gestein sieben. Und immer an ihrer Seite: Kinder. Buben und Mädchen, sechs, sieben, acht Jahre alt. Im Rinnsal eines Baches buddeln sie nach dem Gestein und schleppen es in Säcken umher.  Dass dieses auch hier radioaktives Uran enthält, ahnen sie nicht. Ebenso wenig, dass Fehlgeburten und Missbildungen an Babys exorbitant stiegen und Krebserkrankungen massiv zunehmen.

Geschätzt sind es 170 000 Menschen, die sich allein rund um Kolwezi in den informellen Minen verdingen. Die in dem, was die großen Konzerne übrig lassen, graben und schürfen, ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren, in der Hoffnung auf ein winziges Kieselsteinchen vom riesigen Felsen an Reichtum, der theoretisch unter ihrer Erde lagert. In Kolwezi gibt es unzählige solcher Mondlandschaften voller Krater gegrabener Hoffnungslosigkeit. Deren Ausbeute landet am Ende eines Tages in Musompo, einem Markt aus Dutzenden Wellblechbuden, in denen die Chinesen das Kobalt aus den halblegalen Minen aufkaufen – zu Preisen fernab des Weltmarkts. Mit Prüfgeräten, die die Schürfer für getürkt halten. „Aber, was sollen wir tun“, sagt Ambasto, der zwanzig ist, „uns bleibt keine Wahl. Wer nicht gräbt, gräbt sich sein eigenes Grab aus Hunger.“ Am Ende nimmt das „schmutzige“ Kobalt den gleichen Weg wie das „saubere“. Es ist genauso gräulich wie das Grauen, das sich in ihm verbirgt.

Ordensschwestern holten die Kinder aus den Minen

„Man kann das Elend der Welt beklagen, die Gier, die Gewalt, all das, was diesen Ort ausmacht“, sagt eine Frau im Ordensgewand, „oder, man kann innehalten, beten und dann etwas dagegen tun.“ Die Frau heißt Jane Wainoi und ist Ordensoberin der Schwestern vom Guten Hirten. Als diese vor gut zehn Jahren nach Kolwezi kamen, waren sie erschüttert von der Armut und der Ausbeutung. „Es gab damals eine einzige staatliche Schule für die wenigen Kinder aus privilegierten Familien“, sagt sie, „die anderen Kinder sind für ihre Eltern Einkommens-Generierer.

Sie müssen beim Kobalt-Schürfen mithelfen, einfach weil…“, Schwester Jane stockt, wendet den Blick ab, schaut aus dem Fenster, „…ja, weil sie müssen, denn sonst würden sie verhungern.“  Also packten die Schwestern an. Schufen aus dem Nichts heraus an einem Ort der Gier und Gewalt das krasse Gegenteil. Mit Hilfe von Spenden und Stiftungen bauten sie insgesamt sieben Schulen in und rund um Kolwezi und retteten Tausende von Kindern aus den Minen.

Angst vor internationaler Aufmerksamkeit

Wem das gelingt, der braucht neben Gottvertrauen auch eine gehörige Portion Mut. Denn weder sehen es die Profiteure des Kobaltrausches gern, wenn ihnen die Kinder als billigste Arbeitskräfte abhandenkommen. Noch haben Polizei und Behörde eine Freude damit, dass das Engagement der Schwestern für internationale Aufmerksamkeit sorgt. Wer die Geschichte hinter dem Kobalt kennt, zieht die Erzählung von unser aller „grünen Zukunft“ in Zweifel. „Wäre es also besser, wenn wir schwiegen“, fragt Schwester Jane. „Das können wir nicht. Wir wollen die Stimme der Stummen sein, denn das, was an diesem Ort geschieht, schreit förmlich zum Himmel, und die Welt soll davon erfahren.“

Längst ist Schwester Jane von der Ordensoberin zur taffen Managerin geworden. Sie und ihre acht Mitschwestern beschäftigen mittlerweile 102 Angestellte. Gemeinsam versuchen sie, einem Ort Perspektiven zu geben, dessen einzige bislang tief unter der Erde lag. Um die Kinder vor der Gefahr und der Gewalt der Minen zu bewahren, setzen sie bei den Eltern an.

40 Hektar Land für einen Ausstieg aus der Ausbeutung

In einem Land wie dem Kongo, wo laut Unicef fast die Hälfte der Kinder unterernährt ist und selbst Grundnahrungsmittel überteuert importiert werden müssen, gründeten sie eine Farm nur für Frauen: 40 Hektar an Feldern, 12 Fischteiche und ein Kleinkreditmodell, das einen Ausstieg aus der Ausbeutung ermöglicht. Stolz zeigt Schwester Jane die Bananen und Bohnen, den Spinat und den Mais sowie das Gemüse, das auf den Äckern gedeiht, die von 1 500 Frauen bewirtschaftet werden.

„Da die meisten von ihnen weder lesen noch schreiben können, hatten sie bislang keine Alternative zum Kobalt und waren in den Minen am gefährdetsten“, sagt Schwester Jane, „bei den Frauen anzufangen, macht Sinn, denn sie sind verantwortungsvoller als die Männer. Sie setzen einen Schritt nach dem anderen und lassen dabei nie ihr Ziel aus den Augen.“ Damit haben sie sehr viel gemein mit den Schwestern vom Guten Hirten.

Der Autor recherchierte für die „allewelt“, das Magazin von Missio Österreich, über zwei Wochen vor Ort.

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