Gastkommentar: Ein Gesetz nur für die Profiteure

Von SR. Lea Ackermann
Foto: dpa | Schwester Lea Ackermann.
Foto: dpa | Schwester Lea Ackermann.

Prostituiertenschutzgesetz – schon mit dem Titel fangen die Probleme an: Wir von SOLWODI sprechen nie von Prostituierten, sondern immer von den „Frauen in der Prostitution“. Denn es geht hier um Menschen, die in Deutschland Tag für Tag einen Sexmarkt bedienen, der nirgendwo auf der Welt so dereguliert ist wie hier. Deutschland – das „Bordell Europas“. Daran wird auch das neue Gesetz nichts ändern, ganz im Gegenteil: Das Gesetz schützt nicht die Interessen der Frauen in der Prostitution, sondern die der Profiteure. Gewonnen haben all jene – SPD, Prostitutionslobby und Selbsthilfeorganisationen – die ein gleichermaßen beliebtes wie falsches Bild von der ach so modernen Frau in der Prostitution verkaufen: Die selbstbestimmte sogenannte „Sexarbeiterin“, die ihrem frei gewählten Traum-„Beruf“ nachgeht. Verloren haben die, die es besser wissen: Frauen in der Prostitution sind in aller Regel Opfer finanzieller, menschlicher und psychischer Zwänge. Rund 90 Prozent kommen aus den Armenhäusern der Welt nach Deutschland. Wer einmal drin ist – das wissen wir aus Tausenden von Beratungsgesprächen – schafft den Ausstieg kaum jemals mit eigener Kraft. Und wenn, dann sind viele von ihnen traumatisiert. Das neue Gesetz hat alle Chancen vertan, diesen Frauen zu helfen: Es bringt keine engmaschigen, verpflichtenden medizinischen Untersuchungen – sondern nur eine gesundheitliche Beratung, die einmal im Jahr mit einem kurzen Gespräch erledigt werden kann. Die Chance, mit dieser Untersuchung Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution einen geschützten Raum allein mit Arzt oder Ärztin zu schaffen – dahin. Zwar wird eine Kondompflicht eingeführt – praktisch ist die aber nicht zu überwachen und damit nicht durchsetzbar. Der einzige Effekt: Ungeschützter Verkehr wird teurer und bringt den BordellbetreiberInnen und ZuhälterInnen noch mehr Geld ein. Das neue Gesetz erlaubt es auch weiterhin, Frauen unter 21 Jahren in der Prostitution tätig zu sein. Dabei sind es gerade die jungen Frauen und Mädchen, bei denen sich aus vermeintlicher Liebe zu einem Mann besonders leicht eine psychische und finanzielle Abhängigkeit entwickelt, die geradewegs zum „Anschaffen“ führt. Und schließlich nützt auch eine Anmeldepflicht nichts, wenn sie einmal im Jahr verlangt wird – die Frauen, die alle paar Monate das Bordell, nicht selten die Stadt wechseln, damit die Stammgäste Abwechslung haben, hatte wieder mal niemand im Blick.

Prostitution ist ein wesentlich von kriminellen Elementen bestimmtes Dunkelfeld – diese Kräfte lassen sich durch so ein unentschlossenes Gesetz nicht beeindrucken. Prostitution ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Deshalb fordert SOLWODI, den Kauf von Sex zu verbieten. So wie es viele andere Länder tun und wie die Europäische Union es von ihren Mitgliedstaaten will. Deutschland übernimmt so häufig eine Führungsrolle in der Welt. Doch hier ist unser Land einsames Schlusslicht in Sachen Menschenwürde – das hat das neue Gesetz einmal mehr bewiesen.

Die Autorin ist Gründerin und Vorsitzende der Hilfsorganisation SOLWODI

Themen & Autoren

Kirche

Mitten im ökumenischen Winter tagt die Lambeth Conference der Anglikaner. Diametral verschiedene Auffassungen prallen aufeinander.
12.08.2022, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
In Skandinavien gibt es so gut wie keine Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen, aber den Wunsch nach mehr Hilfe, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben.
11.08.2022, 13 Uhr
Regina Einig