Gastkommentar: Christen sind in höchster Not

Von Kamal Sido

Dieses Jahr war ich trotz des Krieges zweimal in meinem Herkunftsland Syrien und im Irak. In Nordsyrien musste ich erleben, wie die Menschen unter der Blockadepolitik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan leiden. Die fast 900 Kilometer lange syrisch-türkische Grenze ist überall dort geschlossen, wo Kurden, Jesiden und assyrisch-aramäische Christen leben. Weder Personen noch Waren dürfen passieren.

In anderen Abschnitten, wo auf der syrischen Seite islamistische Gruppen das Sagen haben, ist die Grenze jedoch offen. Daraus kann man nur einen Schluss ziehen: Offensichtlich will Erdogan die Menschen in Nordsyrien zwingen, seine islamistische Politik zu unterstützen. Zwar sind die meisten von ihnen Muslime. Doch sie wollen keinen Scharia-Staat in Syrien. Im Nordirak verfolgt Erdogan gleiche Interessen. Zwei Jahre lang hat der Islamische Staat (IS) die nordirakische Metropole Mossul beherrscht. Wenn er jetzt vertrieben wird, wird Erdogan versuchen, andere radikalsunnitische Gruppen zu stützen. Einige schiitische Milizen, die der Iran unterstützt, wollen die an Mossul angrenzende Ninive-Ebene auch islamisieren. Dann wäre eine Rückkehr der christlichen Bevölkerung, die dort bis zum IS-Überfall im Sommer 2014 noch in großen Gemeinschaften lebte, völlig unmöglich.

In Nordsyrien hörte ich von den Menschen immer wieder den gleichen Appell: „Wenn Ihr in Europa uns nicht unterstützt, dann wird unsere Hoffnung, dass alle Volksgruppen und Religionsgemeinschaften bei uns friedlich zusammenleben können, vergeblich sein.“ Wenn wir diesen Menschen nicht zu Hilfe eilen, werden auch sie zu Hunderttausenden nach Europa flüchten müssen.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Millionen von Christen im Osmanischen Reich vernichtet. Heute wollen Radikalislamisten, die loyal zu Erdogan stehen, die letzten christlichen Gemeinschaften auslöschen, vertreiben oder zur Konversion zwingen. Das dürfen wir nicht zulassen. Wer in Westeuropa die Islamisten zur Durchsetzung eigener geopolitischer Ziele unterstützt, ist verantwortungslos. Sie dürfen nirgends geduldet werden. Das heißt für Deutschland und Europa: Wir müssen den Kräften unter die Arme greifen, die eine Trennung von Staat und Religion befürworten, die mehr Frauenrechte wollen, die ein friedliches Miteinander von Christen, Jesiden, Muslimen, Alawiten, Juden und Angehörigen anderer Volksgruppen fördern.

Der Autor ist Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).

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