Gastkommentar: Abtreibung: Zahlen stimmen nicht

Von Kristijan Aufiero

Am Samstag veröffentlichte focus online eine vernichtende Kritik an der deutschen Abtreibungsstatistik – pikanterweise mit Christian Fiala als Kronzeugen. Der betreibt zwei österreichische Abtreibungskliniken und vertritt die Auffassung, dass es in Deutschland jährlich zwei- bis dreimal so viele Abtreibungen gibt, wie offiziell gemeldet.

Deutschland sei, so argumentiert Fiala, mit seinen niedrigen und kontinuierlich rückläufigen Abtreibungszahlen „allein auf weiter Flur“. Der Rückgang sei demografisch nicht erklärbar, denn die Zahl der gebärfähigen Frauen sinke nur halb so stark. Die Geburten steigen sogar, was in anderen Ländern auch mit mehr Abbrüchen einhergehe. Zweitens beruhe die Statistik allein auf den nicht kontrollierbaren Angaben der Kliniken und werde nicht mit den Kostenübernahmen durch die Krankenkassen oder ausgestellten Beratungsscheinen abgeglichen. Ein Arzt, der vor lauter Papierkram ohnehin zu wenig Zeit für seine Patientinnen habe, würde der mühsamen Statistik wohl kaum Priorität einräumen. Drittens bestehe ein politisches Interesse am Status quo in Sachen Paragraf 218 StGB. Denn sollte die derzeitige Regelung nicht dem Schutz des Lebens dienen, bestünde für den Gesetzgeber Nachbesserungspflicht – woran der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe ihn ja auch im Jahr 2004 mit einer „Kleinen Anfrage“ erinnerte. Seit 2005 sinken die Zahlen.

Fialas Analyse deckt sich in weiten Teilen mit der Argumentation von Prof. Manfred Spieker in „Der verleugnete Rechtsstaat“. Es besteht leider ein offensichtlicher politischer Unwille, die tatsächlichen Zahlen dieses traurigen Massenphänomens genauer zu eruieren. Dass das Familienministerium und Pro Familia – eben die Organisation, die vermutlich die meisten Beratungsscheine ausstellt – laut focus online nichts von Fialas Kritik wissen wollen, bestätigt dies nur.

So sehr ich seiner Analyse in Sachen Statistik zustimme, so wenig kann ich nachvollziehen, dass Fiala im Zusammenhang mit Abtreibung von „verantwortungsbewussten Entscheidungen“ spricht. Bei 1000plus beraten wir derzeit weit über 3 500 Schwangere im Jahr. Keine einzige hält die Abtreibung ihres ungeborenen Kindes für eine moralisch gute oder richtige Lösung. Alle benennen äußere Umstände als Ursachen für ihren Konflikt. Es sind umfassende Information, lösungsorientierte Beratung und konkrete individuelle Hilfe, die aus der Perspektive der Frau verantwortungsbewusste Entscheidungen für das Leben möglich machen.

Der Autor ist Vorsitzender des Vorstandes von Pro Femina e.V. und Projektleiter von 1000plus

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