Kabul

„Frauen sind die ersten Opfer“

Frauenrechtlerinnen berichten auf Einladung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte über ihre Befürchtungen nach der Taliban-Machtübernahme.
Konflikt in Afghanistan
Foto: Marcos Moreno (AP) | Evakuierte aus Afghanistan steigen am Dienstag auf dem Marinestützpunkt Rota in Südspanien aus einem Flugzeug der US-Luftwaffe aus.

Im Rahmen einer Pressekonferenz in Kabul am 17. August 2021 versuchte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid, die afghanische Zivilbevölkerung und die internationale Gemeinschaft zu beschwichtigen. Frauen und Mädchen in Afghanistan hätten demnach das Recht, unter anderem an Bildung und der Gesundheitsversorgung teilzuhaben. Es werde keine Diskriminierung von Frauen geben, „zumindest nicht innerhalb des Rahmens, den wir haben”. Viele Afghaninnen glauben den Ankündigungen und vagen Formulierungen allerdings nicht. Vor dem Sturz durch die internationale Militärkoalition hatten die Taliban bereits zwischen 1996 und 2001 geherrscht. Damals waren die Rechte von Frauen stark eingeschränkt. Frauen war es verboten, das Haus ohne einen erwachsenen männlichen Verwandten allein zu verlassen, geschweige denn zu arbeiten, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen.

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Droht Afghanistan zum islamistischen "Gottesstaat" zu werden?

Mit dem Abzug der westlichen Truppen und der Rückkehr der Taliban fürchten viele Menschen vor Ort wie auch Menschenrechtler weltweit, dass sich das Land am Hindukusch wieder in einen islamistischen „Gottesstaat“ verwandelt. Dass besonders Frauen unterdrückt und jeglicher Freiheitsrechte beraubt werden. Aus diesem Anlass hatten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und das Internationale Komitee gegen die Steinigung zu einem Pressegespräch geladen, bei dem Frauen aus Afghanistan und dem Iran zu Wort kamen. „Frauen sind die ersten Opfer der Islamisten. Wir kennen diese Situation leider zu gut aus dem Iran. Dort sind Frauen seit Jahrzehnten Menschen zweiter Klasse. Die internationale Gemeinschaft muss ein deutliches Zeichen setzen – gegen die Scharia sowie einen islamistischen Gottesstaat und für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenrechte“, erklärte Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM, als Moderator.

Seit Jahren engagiert sich die in Frankfurt ansässige Menschenrechtsorganisation für Menschenrechte im Iran und steht in engem Kontakt mit Frauen, die mutig für ihre Rechte eintreten, und mit Angehörigen von unschuldig Inhaftierten. Prominentes Beispiel ist die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, die 2019 zu 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt worden war, weil sie sich gegen den Kopftuchzwang und für Frauenrechte in ihrer Heimat eingesetzt hatte. Auch vor ausländischen Staatsbürgern macht das Regime nicht Halt: So wurde die deutsch-iranische Architektin Nahid Taghavi am 4. August 2021 vom Islamischen Revolutionsgericht in Teheran zu zehn Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, weil sie sich für die Einhaltung von Menschenrechten eingesetzt hatte. Sie wurde am 28. August 67 Jahre alt und ist im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert, ihr werden „Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppe“ sowie „Propaganda gegen das Regime“ vorgeworfen. Ende Juli wurde bekannt, dass sie sich mit dem Corona-Virus angesteckt hat.

Unterdrückung von Frauen kennt keine Grenzen

Die in Köln lebende Tochter Mariam Claren betonte während der Pressekonferenz, die Unterdrückung von Frauen in islamischen Staaten kenne keine Grenzen, es drohten ihnen Zwangsverschleierung, Berufsverbot oder Steinigungen. Mariam Claren forderte daher: „Unsere Aufgabe ist es, die Frauen in Ländern wie Iran und Afghanistan zu schützen und ihnen eine Stimme zu geben. Wir dürfen diese Frauen nicht vergessen.“ Diesen Appell unterstützte auch die im Iran geborene Vorsitzende des Internationalen Komitees gegen die Steinigung, Mina Ahadi: „Seit 42 Jahren ist der Iran ein Gottesstaat, in dem die Scharia praktiziert wird. Besonders für uns Frauen bedeutet das großes Elend – Menschenrechtsverletzungen und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung.“ Mina Ahadi hatte das Internationale Komitee gegen Steinigung 2001 gegründet, ein Netzwerk mit 200 Organisationen.

Ein Fazit: Es darf keine Verhandlungen mit den Taliban „auf Augenhöhe“ geben. Afghanische Frauen würden zum zweiten Mal Opfer des islamischen Rechts der Taliban, beklagte Najia Afshari, in Hamburg lebende Juristin aus dem Land am Hindukusch. „Diese barbarische und frauenfeindliche Terrororganisation darf von der EU nicht als normale Regierung anerkannt werden“, ergänzte Shamle Sarabi, in Düsseldorf lebende Frauenrechtlerin aus Afghanistan: „Wir Frauen sind die ersten Opfer der Islamisten, daher soll die Weltöffentlichkeit unsere Stimme hören.“ So soll es in Kürze in Berlin eine Demonstration vor dem Reichstag geben, kündigte Hourvash Pourkian an,  im Iran geborene Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für Migrantinnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie betonte, dass auch in Deutschland muslimische Frauen gefährdet seien – etwa durch islamische Organisationen wie Schura, Ditib oder Milli Görös.

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