Im Schatten des Ukrainekriegs

Europas bittere Lektionen

Leidgeprüft haben wir Europäer eine Methode entwickelt, geopolitische Brandherde zu entschärfen und Kriegsgründe zu relativieren.
Ukraine-Krieg - Dnipro
Foto: Daniel Ceng Shou-Yi (ZUMA Press Wire) | Alexander sitzt vor dem Grab seines älteren Bruders und Soldaten Evgeny Ketov, der im März während der russischen Invasion in der Region Donezk im Donbass ums Leben gekommen ist.

Der Krieg Wladimir Putins gegen die Ukraine begann nicht am 24. Februar. Er begann mit der Idee, dass die Krim eigentlich zu Russland gehöre und nur durch eine Ungerechtigkeit Chruschtschows im Jahr 1954 zur Ukraine geraten sei. Und mit der These, dass die Grenzen im Osten der Ukraine revidiert werden müssten, um die russischsprachige Bevölkerung heim ins Reich zu holen. Eine entsprechende Propaganda flammte in Russland bereits 1992 auf, also im Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Ausrufung der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Damals meinte etwa Jewgeni Ambartsumow, der unter Michail Gorbatschow stellvertretender Sprecher des Obersten Sowjets gewesen war, der Ukrainer Nikita Chruschtschow habe seiner Heimat die Krim zum Geschenk gemacht; diese Aktion sei illegal und mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 vergleichbar.

22 Jahre später benutzte Wladimir Putin die ideologisch längst vorbereiteten Grenzkonflikte und Gebietsansprüche, um die Krim militärisch zu besetzen und schließlich zu annektieren sowie in den ukrainischen Oblasten Luhansk und Donezk einen verlustreichen Sezessionskrieg zu entfachen. Gewiss zielte Putins Vorgehen bereits damals auf eine Destabilisierung der ganzen Ukraine, die sich Moskaus Zugriff mit dem Sturz der Marionettenregierung von Wiktor Janukowytsch 2014 entzogen hatte. Gleichwohl war die Infragestellung der Legitimität der bestehenden Grenzen die Begründung für den 2014 begonnenen und 2022 ausgeweiteten Krieg des Kremls gegen die Ukraine.

Grenzen ihren trennenden Charakter nehmen

Blenden wir ein Jahrhundert zurück, ins Jahr 1922: Europa lebte im Frieden, der Schock des Weltkriegs, von dem man noch nicht wusste, dass er nur der erste war, saß noch in den Gliedern. Doch Europa war gespalten: Weniger in Sieger und Verlierer, denn alle hatten durch den Weltkrieg viel verloren. Nicht nur die drei großen, multinationalen Monarchien - Österreich-Ungarn, das russische Zarenreich und das Reich der Osmanen - waren untergegangen, sondern das alte Europa. Neue Grenzziehungen hatten jedoch die einen gedemütigt und die anderen privilegiert. Europa war gespalten in revisionistische und antirevisionistische Staaten: Die einen wollten die in den Pariser Vororten St. Germain, Versailles, Trianon und Sévres geschaffene Ordnung erhalten   die anderen wollten sie verändern.

Lesen Sie auch:

Deutschsprachige Österreicher, die in Böhmen, in der Untersteiermark oder im Süden Tirols zuvor Angehörige einer Staatsnation gewesen waren, fanden sich in ihrer angestammten Heimat plötzlich als ethnische Minderheit wieder. Nicht anders ging es den Ungarn in Jugoslawien und der Tschechoslowakei oder den Deutschen im Elsass. Die Bildung neuer Staaten und die vielfachen Grenzkorrekturen konnten keine Gerechtigkeit für alle sichern, ja wollten dies nicht einmal. Anders als beim Wiener Kongress nach den Napoleonischen Kriegen ging es nach dem Ersten Weltkrieg gar nicht um einen Ausgleich von Interessen und Ansprüchen, sondern allein um die Perspektive der Sieger.

Grenzstreitigkeiten und Gebietsansprüche hatten bereits in den Ersten Weltkrieg geführt. Serbien träumte damals von Dominanz auf dem Balkan, Russland vom österreichischen Galizien, Frankreich von Elsass-Lothringen, Italien von der adriatischen Gegenküste. Grenzstreitigkeiten und Gebietsansprüche herrschten aber auch nach dem Weltkrieg und seinen Friedensverträgen. Der Nationalismus, der in den Krieg geführt hatte, ging auch als Sieger aus ihm hervor. Joseph Roth, jüdischer Schriftsteller deutscher Sprache aus dem heute zur Ukraine zählenden Osten des Habsburger-Reichs, diagnostizierte den Geist seiner Zeit treffend: "Der Nationalismus ist zu einer zweiten Religion geworden: mit seiner Ethik, die befiehlt, für die Nation zu töten und zu sterben; mit seinem Kult, seinen Heiligen und Halbgöttern, seinen Festen, seinen Symbolen, seinen Dogmen."

Spannungen, Konflikte, Pogrome und Gewalt

In den gemischtnationalen Landstrichen und Metropolen der Mitte und des Ostens Europas musste diese Ideologie geradezu zwangsläufig zu Spannungen, Konflikten, Pogromen und Gewalt, ja zu Kriegen und Vertreibungen führen. Nicht nur Städte wie Klausenburg, Straßburg, Sarajevo, Bozen, Danzig, Lemberg, Prag und Prishtina lebten die nationale Vielfalt als Facette ihrer Identität. Auch Istanbul war nie nur türkisch, sondern zugleich griechisch, armenisch und arabisch.

Früher als andere ahnte der altösterreichische Graf Richard Coudenhove-Kalergi, selbst Sohn eines europäischen Vaters und einer japanischen Mutter, dass die Spaltung Europas in Revisionisten und Antirevisionisten, dass Hass und Missgunst, verbunden mit der wachsenden Bereitschaft, Grenzkonflikte und Gebietsansprüche gewaltsam zu lösen, zu einem Zweiten Weltkrieg führen würden. Er stellte bereits 1923 fest: "Eine gerechte Festsetzung von Staatsgrenzen ist in Europa unmöglich." Es gebe nur einen radikalen Weg, die europäischen Grenzfragen dauerhaft und gerecht zu lösen: "dieser Weg heißt nicht Verschiebung, sondern Aufhebung der Grenzen!"

Coudenhove-Kalergi war kein Träumer oder Anarchist, sondern skizzierte realistische Schritte, um den Grenzen zwischen den Staaten Europas 
ihren trennenden und Hass stiftenden Charakter zu nehmen, etwa ein Toleranzedikt und eine Zollunion. Es brauche ein Programm, "das die umstrittenen Grenzen unsichtbar machen würde: militärisch durch ein Bündnis und Schiedsgerichtssystem, wirtschaftlich durch einen gemeinsamen Markt und eine gemeinsame Währung, national durch effektiven Minderheitenschutz". Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Coudenhove-Kalergi gewarnt hatte, gingen die Staaten Europas - zunächst im freien Westen - diesen Weg.

Erbfeindschaften in Freundschaft verwandelt

Seither sind die Ideen- und Interessenskonflikte in Europa nicht verschwunden, aber zwischen jenen Staaten, die sich auf den von Coudenhove-Kalergi vorgezeichneten Weg begaben, werden sie nicht mehr blutig ausgetragen. Statt auf dem Schlachtfeld werden Konflikte hier am Verhandlungstisch gelöst. Tiefe Augenringe bei den europäischen Spitzenpolitikern, Schlagzeilen und hin und wieder ein Politiker-Rücktritt sind in den Schlachten des vereinten Europas die einzigen Opfer der Zivilbevölkerung. Vermeintliche Erbfeindschaften haben sich in stabile Freundschaften verwandelt, Gebietsstreitigkeiten sind verschwunden, Grenzkonflikte nahezu unbekannt.

Schon deshalb hätte der Weg der europäischen Einigung als weltweit bestauntes Modell Schule machen können. Doch davon kann keine Rede sein. Nur einen Steinwurf von den EU-Außengrenzen entfernt dominiert weiter jene Logik, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in zwei Balkankriege und zwei Weltkriege stürzte. In vielen Regionen der Welt drohen auch heute Grenzkonflikte und Gebietsansprüche zu Kriegsgründen zu werden. Denken wir nur an den israelisch-palästinensischen Konflikt oder an den indisch-pakistanischen Dauerstreit um Kaschmir. Einige dieser Brandherde haben direkt oder indirekt mit Putins Krieg gegen die Ukraine zu tun. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Der russische Aufmarsch an der ukrainischen Grenze verunsichert die Menschen im Baltikum. Drei Jahre nach ihrer Unabhängigkeit fürchten sie, wieder unter die Einflusssphäre Moskaus zu geraten.
05.02.2022, 19  Uhr
Carl-Heinz Pierk
Grenzkonflikte und Gebietsansprüche werden schnell zu Kriegsgründen, zumal in Asien und im Osten Europas.
30.05.2022, 10  Uhr
Vorabmeldung
Themen & Autoren
Stephan Baier Joseph Roth Michail S. Gorbatschow Wiktor Janukowitsch Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst