Absturz eines Superstars

Ethische Aufrüstung jetzt!

Zeit für einen neuen Anstrich: Deutschland muss sich ehrlich machen und eine echte geistig-moralische Wende starten.
Deutschlands Aufgaben für die Zukunft
Foto: Omega (326003242) | Wir müssen ethisch aufrüsten. Und zwar schnell. Wir müssen einsehen, dass die Erde unser "gemeinsames Haus" (Papst Franziskus) ist, und die Sorge um sie kein Luxus ist, auf den wir auch verzichten könnten, sondern ...

Deutschland muss aufrüsten. Nicht bloß militärisch, das auch, sondern vor allem ethisch. Wie die Wellen eines Tsunamis bauen sich die ungelösten Probleme auf, und drohen, wenn sie nicht gebrochen werden, alles und jeden unter sich zu begraben. Pflegenotstand, ein auf Kante genähtes Gesundheitssystem, steigende Immobilienpreise und Mieten, zusammenbrechende Lieferketten und eine Negativrekorde brechende Inflation treffen alle und machen vor niemandem Halt.

Dabei sind es nicht einmal die Probleme selbst, obwohl gewaltig dem Ausmaß und der Zahl nach, die uns ängstigen müssten. Es sind die Strategien, die uns, so überhaupt vorhanden, zu ihrer Bewältigung angereicht werden, die uns erschrecken sollten. Schnell, schnell, mit heißer Nadel gestrickt, auf Wirkung in den Medien schielend, den (a)sozialen zumal, statt sorgfältig überlegt, gewissenhaft gewogen und auf Nachhaltigkeit bedacht. Anstatt Phänomene und Sachverhalte so vorurteilsfrei wie möglich und so präzise wie nötig zu untersuchen, halten wir Ausschau nach zündenden "Narrativen". Wir schämen uns "alternativer Fakten" nicht und "framen" Bedeutungszusammenhänge absichtsvoll und wissentlich, was das Zeug hält.

Wir streuen einander Sand in die Augen

Wir sind zu Sophisten geworden. Wir streuen einander Sand in die Augen. Statt um Wahrheit, geht es uns um unseren "Sieg". Wir wollen weder "recht tun" noch "richtig" liegen. Wir wollen triumphieren. Wir sind überheblich und rücksichtslos geworden. Dass wir per Mausklick oder Wischen ganze virtuelle Welten dirigieren und beherrschen, qualifiziere uns, so meinen wir, schon zu Vor- und Chefdenkern der realen Welt. Zwischen Feierabend und Zu-Bett-Gehen sind wir die besseren Bundeskanzler, Außen-, Innen-, Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs- und Familienminister, nicht selten sogar in Personalunion. Wir leisten uns zu beinah allem und jedem eine Meinung und haben dabei doch selten von mehr als einer Sache wirklich Ahnung.
Wir sind ständig gereizt und übel gelaunt. Wir "haten" und "canceln" einander hemmungslos. Wir räumen einander nicht ein, auch einmal etwas übersehen, falsch gewichtet zu haben oder gar einem Irrtum aufgesessen zu sein. Wir unterstellen einander sogleich, Entscheidendes bewusst "ausgeblendet" oder gar "verschwiegen" zu haben. Wir geben uns nicht damit zufrieden, von unserer eigenen Meinung abweichende nach sorgfältiger Prüfung abzulehnen, wir müssen sie auch gleich   samt ihren Urhebern   "verdammen".

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Aus dem Bruder, der Schwester, dem Mitmenschen dem Glauben oder sogar der Menschennatur nach, sind Konkurrenten geworden. Mit ihnen kämpfen wir um Aufmerksamkeit und Beachtung. Wir "batteln" um "Follower" und "Likes". Das Wohlergehen unserer Konkurrenten, erst recht ihr Seelenheil, lässt uns kalt. Wir befinden uns in einem "bellum omnium contra omnes", einem Krieg aller gegen alle.

Die Welt liegt in Trümmern, uns geht es um "Work-Life-Balance"

Wir sehen die Welt vielerorts in Trümmern liegen, sorgen uns jedoch um unsere "Work-Life-Balance" und fordern die "Vier-Tage-Woche". Wir schauen zu, wie Menschen andernorts abgeschlachtet, Müttern die Zähne ausgeschlagen und im Beisein ihrer Kinder massenvergewaltigt werden. Wir sehen zu, wie Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten unter Feuer genommen und bombardiert werden. Doch was wir fürchten, ist der Einsatz taktischer Atomwaffen auf unserem Territorium. Wir diskutieren frank und frei über das Ausmaß von Korruption (ja, gibt es und ist nicht in Ordnung) in einem Land, das dem Erdboden gleich gemacht werden soll, und fragen uns nicht, ob wir eigentlich noch ganz bei Trost sind.

Wir müssen ethisch aufrüsten. Und zwar dringend. Wir müssen bereit sein, den Tatsachen ins Auge zu sehen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir müssen Probleme sachgerecht lösen wollen, statt uns damit zu begnügen, bei dem Versuch halbwegs gut auszusehen. Statt um "bella figura" muss es uns um echte "Nachhaltigkeit" gehen. Wir müssen anfangen, einander fair behandeln zu wollen, anstatt uns über den Tisch zu ziehen oder ins Minus bringen zu wollen. Wir müssen aufhören, nur unseren eigenen Vorteil suchen zu wollen. Statt um das Eigenwohl, muss es uns wieder mehr um das Gemeinwohl gehen. Wir müssen aufhören, bloß um Vertrauen zu werben, sondern anfangen, es uns wieder zu verdienen.

In der Wissenschaft darf es nicht länger darum gehen, was ankommt und gefällt: bei Politik, in der Gesellschaft oder der "scientific community". Stattdessen müssen Wissenschaftler sich wieder damit begnügen, herausfinden zu wollen, wie die Dinge wirklich sind. In den wissenschaftlichen Diskursen müssen wieder allein die Seriosität und Kraft von Argumenten zählen. Die Zugehörigkeit zu Denkschulen und Netzwerken ist zwar nichts Ehrenrühriges, aber eben auch kein Ausweis von Wissenschaftlichkeit, geschweige denn ein Beleg für die Richtigkeit von Ergebnissen. Die faktenbasierte Infragestellung vorherrschender Ansichten oder von sicher geglaubtem Wissen muss als willkommener Anstoß zur erneuten Prüfung und Vergewisserung betrachtet und keinesfalls als unbotmäßige Störung der Harmonie erachtet werden. Für "skandalös" erachtete Theorien müssen falsifiziert, statt als "unzumutbar" oder "aus der Zeit gefallen" abgelehnt werden. Sophismus als Methode muss geächtet, anstatt toleriert oder gar als "Cleverness" bewundert zu werden. Statt Bedeutungszusammenhänge zur Durchsetzung von Interessen absichtsvoll zu "framen", müssen wir offen für unsere Interessen werben. Anstatt einander zu überreden zu suchen, müssen wir einander überzeugen wollen. Wir müssen offen für konstruktive Kritik bleiben, statt uns selbst im Besitz der Wahrheit zu wähnen.

Menschen als Personen achten

Wer Vollzeit arbeitet, muss davon auch leben können. Wohnraum muss wieder bezahlbar werden. Überall, und nicht nur auf dem Land. Eltern müssen hinreichend Zeit für die Erziehung ihrer Kinder haben, statt sie fremd betreuen zu lassen, um unterdessen Miete und Lebensunterhalt zu verdienen. Wir müssen Menschen wieder als Personen achten, anstatt bloß die Funktionen zu betrachten, die sie in bestimmten Kontexten besitzen.
Arbeitgeber sind keine "Kühe", die man melken, Arbeitnehmer kein "Humankapital", das man ausbeuten darf. Wir brauchen einen völligen Perspektivwechsel. Einen, bei dem der Mensch nicht von der zu verrichtenden Arbeit her gedacht wird, sondern jede Arbeit von dem sie verrichtenden Menschen her. Wir müssen neu verstehen lernen, was der heilige Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika "Laborem exercens" (1981) so formulierte: "Zweck der Arbeit, jeder vom Menschen verrichteten Arbeit   gelte sie auch in der allgemeinen Wertschätzung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig monotone, ja als geächtete Arbeit  , bleibt letztlich immer der Mensch selbst." Der arbeitende Mensch dürfe daher, so der Papst weiter, "nicht wie ein Instrument behandelt" und "dem Gesamt der materiellen Produktionsmittel gleichgeschaltet" werden. Vielmehr sei der Mensch als "Subjekt und Urheber" der Arbeit das "wahre Ziel des ganzen Produktionsprozesses".

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Deswegen: Wir müssen ethisch aufrüsten. Und zwar schnell. Wir müssen einsehen, dass die Erde unser "gemeinsames Haus" (Papst Franziskus) ist, und die Sorge um sie kein Luxus ist, auf den wir auch verzichten könnten, sondern eine existenzielle Menschheitsaufgabe. Wir müssen anerkennen, dass es auch eine "Ökologie des Menschen" gibt (Papst Benedikt XVI.), deren Nichtbeachtung nicht minder schwer wiegt. Vor allem müssen wir aufhören, das eine gegen das andere auszuspielen. Nicht um "versus", sondern um "et - et" (sowohl - als auch) muss es uns gehen.

Wir müssen endlich verinnerlichen, dass jeder Mensch, auch der noch nicht geborene, ein einzigartiges, unwiederholbares Geschöpf ist. Ein Ebenbild Gottes. Unersetzlich und unendlich kostbar. Wir müssen akzeptieren, dass ein Recht auf Abtreibung ein schwarzer Schimmel ist. 
Etwas, das es weder gibt, noch geben kann. 

Wir dürfen schwangere Frauen in Not nicht allein lassen. Wir müssen ihnen mit Rat und Tat dabei helfen, ihre wahren Probleme zu lösen, anstatt unschuldige und wehrlose Kinder zu solchen zu erklären. Wir müssen begreifen, dass Leihmutterschaft eine neue Form der Leibeigenschaft ist, die anderen Formen der Sklaverei in nichts nachsteht und daher geächtet gehört. Wir haben noch viel Luft nach oben. Fangen wir also an.

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