Die zehn Gebote des katholischen Journalismus

Es braucht es Medien, die den katholischen Glauben zur Richtschnur haben und unverkürzt vorlegen. Von Oliver Maksan
Titelblatt Augsburger Tagesblatt von 1948


1 Stärke den Glauben!

In Zeiten, wo die Glaubensweitergabe an die nächste Generation nicht mehr funktioniert, wo der Religionsunterricht oft versagt, wo auf theologischen Lehrstühlen nicht immer die reine Lehre verkündet wird, braucht es Medien, die den katholischen Glauben zur Richtschnur haben und unverkürzt vorlegen. Den Bekehrten predigen und sie im Glauben zu stärken ist keine vergeudete Mühe, sondern erste Aufgabe einer katholischen Zeitung. Dies geschieht, indem die Glaubenslehre Richtschnur der Kommentierung ist, aber auch durch gehaltvolle Katechesen. Mag kirchliches Leben vielfach im Niedergang sein und die Volkskirche bald endgültig der Geschichte angehören: Eine katholische Zeitung wird auch immer den Blick auf Neuaufbrüche im Glauben richten.

2 Schaffe innerkirchliche Öffentlichkeit!

Bereits Papst Pius XII. sprach von der öffentlichen Meinung in der Kirche. Nichts lag dem Pacelli-Papst ferner als damit zu sagen: Alles ist Verhandlungssache. Die Kirche ist keine Demokratie, in der Meinungen gleichberechtigt nebeneinander stehen und es wie in der Politik auf den Kompromiss ankommt. Die Kirche ist vielmehr eine hierarchisch verfasste Christokratie. Kardinal Meisner hat seinerzeit dieses Wort geprägt. Dogmen und verbindliche Lehrentscheidungen sind für den mit übernatürlichem Glaubenssinn ausgestatteten katholischen Christen keine bloßen Angebote. Die Gläubigen haben ihr Gewissen danach auszurichten. Dennoch bleiben viele Fragen schlicht Abwägungsfragen, wo es ein berechtigtes Ringen geben darf und muss. Die Strukturreformen der Bistümer beispielsweise: Sind sie der richtige Weg? Unfehlbarkeit kann hier niemand beanspruchen. Die Äußerungen der Bischöfe zu Migration und Asyl: Bleiben sie Antworten schuldig? Der Sozialstaat: Muss er nach der katholischen Soziallehre immer weiter ausgebaut werden? Eine katholische Zeitung schafft hier Öffentlichkeit und ein Forum für innerkirchlichen Meinungsaustausch.

3 Sei eine Plattform für Vielfalt in der Kirche!

Eine katholische Zeitung orientiert sich am Lehramt, ist aber nicht das Lehramt. Eine Redaktionskonferenz ist keine Vollversammlung der Glaubenskongregation. Wenn Redakteure ihre spirituellen oder theologischen Vorlieben zur Richtschnur machen, läuft etwas schief. Vielmehr muss gelten: Jeder, der mit Papst und Weltkirche katholisch sein will, hat seinen Platz „im Blatt“. Die Freunde der überlieferten Liturgie haben dasselbe Hausrecht wie die Anhänger charismatischer Gebetsformen. Eine katholische Zeitung ist Heimat für viele Spiritualitäten, denn unter dem Dach der Kirche ist Platz für viele Wege zu Gott. Entscheidend ist immer: Einheit im Notwendigen, Freiheit im Zweifel, in allem aber Liebe. Was der heilige Augustinus seinerzeit predigte, ist auch für katholische Journalisten eine gute Richtschnur.

4 Sei unabhängig, denn nur so bist du glaubwürdig!

Journalismus, also das an der Wahrheit orientierte Sagen dessen, was ist, ist etwas anders als Öffentlichkeitsarbeit oder PR. Beide haben ihr Recht in der Kirche. Die Pressestellen, die Kirchenzeitungen und kirchlichen Webseiten sind offiziöse Organe der Bistümer oder Orden. Sie sind ihrem Dienstgeber, in der Regel dem Ortsbischof, verpflichtet. Kritischer Journalismus ist von vornherein gar nicht ihre Aufgabe, etwaige Fehlentwicklungen oder gar Missstände in Diözesen anzuprangern ist deshalb von ihnen nicht zu verlangen. Sie arbeiten im Verteidigungsmodus und werden nicht dafür bezahlt, den Finger in die Wunde zu legen. Ein katholisches, aber nicht amtskirchliches Medium kann dies mit großer innerer und äußerer Freiheit tun. Wo Generalvikare – legitimerweise – Redakteuren über die Schulter schauen, gibt es keine Unabhängigkeit, gibt es keinen Journalismus – und damit keine Glaubwürdigkeit.

5 Habe keine Angst vor Bischofsthronen!

Katholischer Journalismus steht in einem grundsätzlichen Loyalitätsverhältnis zu Glaube und Kirche. Es ist nicht seine Aufgabe, die Glaubenslehre in Frage zu stellen. Ein Pro und Contra etwa zur Frage, ob Frauen die Priesterweihe empfangen können, kann in einer katholischen Zeitung nicht stattfinden. Zu eindeutig hat sich die Kirche dazu geäußert. Der Katholik liebt zudem den Nachfolger Petri und die mit ihm geeinten Bischöfe. Der Kritik entzieht sie das aber nicht. Nicht jede Entscheidung des Papstes ist unfehlbar. Die Kurienreform kann man gut finden oder nicht. Und auch ein Papstinterview kann mal schiefgehen. Grundsätzlich gilt: Auch Papst und Bischöfe müssen sich messen lassen am Glauben und der Sittenlehre der Kirche. Die heilige Katharina von Siena wusste das. Kritik wird aber immer von Wohlwollen getragen sein, sachlich argumentieren und keine schlechten Motive unterstellen, wo sie sich nicht beweisen lassen.

6 Verteidige die Kirche gegen falsche Angriffe!

Eine katholische Zeitung kehrt nichts unter den Teppich. Bestes Beispiel: Die Missbrauchskrise in der Kirche. Kardinal Ratzinger und dann Benedikt XVI. haben vorgemacht, wie man damit umzugehen hat: null Toleranz. Eine katholische Zeitung baut deswegen keine Kulissen auf, um den Schmutz dahinter zu verbergen. Die Kirche ist heilig, ihre Glieder sind es meist nicht: Das weiß ein katholischer Journalist. Genauso falsch ist es aber, aus der Missbrauchs- eine Zölibatsdebatte zu machen oder alle Priester unter Generalverdacht zu stellen.

7 Sprich mit der Welt!

Christen sind nicht von der Welt, aber leben in der Welt. Sie haben einen Weltauftrag. Es ist die Aufgabe katholischer Medien, kirchliche Lehre, christliches Menschenbild und katholische Weltanschauung gegenüber einer Öffentlichkeit, die ganz überwiegend nicht mehr glaubt, verständlich zu machen. Dem heiligen Petrus zufolge sollen wir jedem Rede und Antwort stehen, der uns nach dem Grund unserer Hoffnung fragt. Angesichts zunehmender Entfremdung vom Glauben: Warum lehnt die Kirche die „Ehe für alle“ ab? Warum sieht sie in den biopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre oft keinen Fortschritt, sondern eine Bedrohung des Humanums – etwa bei der Präimplantationsdiagnostik oder der embryonalen Stammzellforschung? Weil der katholische Glaube und die christliche Moral auf Natur und Vernunft aufbauen, kann man auch gegenüber Nichtglaubenden argumentieren, ohne zwangsläufig auf die Bibel verweisen zu müssen.

8 Trenne Meinung und Nachricht!

Immer größere Teile der Öffentlichkeit misstrauen einem Journalismus, der die Grundregeln seines Berufs nicht mehr ernst nimmt. Eine der wichtigsten lautet: Trenne Nachricht und Meinung. Leser sind keine unmündigen Wesen. Sie wollen sich auf Basis von Fakten ihre Meinung bilden und nach diesen nicht im Meinungsbrei der Journalisten fahnden müssen. Nannyjournalismus wiederum, der unangenehme Nachrichten ausblendet, weil sie ihm nicht ins Konzept passen, hat keine Zukunft. Er sägt am Ast, auf dem er sitzt.

9 Nimm deine Leser ernst!

Die Zeiten, als Journalisten meinten, hoch zu Ross sitzen zu können, sind endgültig vorbei. Hoffentlich kommen sie nie mehr wieder! Im Zeitalter des Internets haben die etablierten Medien ihre Torhüterfunktion über das, was den Weg in die Öffentlichkeit findet, verloren. Mehr denn je müssen sie deshalb ihre Leser, ihre Interessen und Anfragen ernst nehmen. Es braucht Journalismus auch im Zeitalter der Blogger. Denn nur professioneller Journalismus hat den langen Atem für Recherche und Einordnung. Will katholischer Journalismus Zukunft haben, muss er beides ganz sein: hundertprozentig katholisch und journalistisch einwandfrei professionell.

10 Vertrau auf Gott!

Katholischer Journalismus dient einem höheren Zweck als dem Geldverdienen – wenn ein Verlag auch dafür sorgen muss, dass die in ihm erscheinende Zeitung auf wirtschaftlich soliden Füßen steht. Letztlich geht es um Gott und seine Kirche. Mag die wirtschaftliche Lage auch schwierig sein und schwierig bleiben: Gottvertrauen spornt zum Weitermachen an.

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