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Die neue Welle des Antisemitismus

Der Krieg im Gazastreifen ist zu einem Brandbeschleuniger für die islamistische Szene geworden, schreibt Florian Hartleb.
Anti-US-Demonstration in Teheran
Foto: Vahid Salemi (AP) | Iranische Demonstranten verbrennen vor der britischen Botschaft in Teheran Darstellungen britischer, amerikanischer und israelischer Flaggen.

Das klassische Verschwörungsdenken ist strukturell stark mit dem Antisemitismus verknüpft. Viele kursierende Verschwörungserzählungen speisen sich aus judenfeindlichen Vorurteilen. Die Zustimmung dafür findet sich in allen Altersgruppen, sozialen Milieus und Bildungsschichten. Motiviert ist der Glaube an Verschwörungen meist aus einem generellen Misstrauen gegenüber Politik, Wirtschaft und Medien.

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Mit dem Wunsch der Bewahrung und Beharrung einer vermeintlich bedrohten Ordnung und auf der Suche nach Kontrolle und Sicherheit in einer Welt voller unerklärlicher, komplexer Situationen lassen sich Menschen von Geschichtenerzählern einfangen, die sie glauben machen, es gebe eine einfache und einzig wahre Erklärung für alle Missstände – und diese Erklärung lautet oft: „Die Juden sind schuld!“

Gräben brechen auch in Europas Gesellschaften auf

Der Fundus aus jahrhundertealter Stereotypisierung von Juden gibt Möglichkeiten, antisemitische Begrifflichkeiten zu schöpfen, die entsprechend revitalisiert und aktualisiert werden. Das Musterbeispiel der antisemitischen Verschwörungserzählung ist die Legende von einer „jüdischen Weltverschwörung“. Für den 2016 verstorbenen liberalen Intellektuellen Leonidas Donskis, selbst jüdisch-stämmiger Litauer, wäre es aber falsch, moderne Versionen von Verschwörungstheorien allein auf Antisemitismus zu reduzieren. Sie stützen sich vielmehr auf eine Manipulations-Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins.

Am 7. Oktober 2023 hat der Terrorangriff der Hamas auf Israel die bestehende „Weltunordnung“ auf barbarische Weise verstärkt und einen Krieg eingeleitet. Je länger der israelische Feldzug gegen die Hamas dauert, desto mehr Gräben brechen auch in Europas Gesellschaften auf. Ungehemmter Antisemitismus ist aufgekommen, gerade durch eine Melange zwischen radikalen Islamisten und Linksextremisten. Die merkwürdigen Äußerungen der Klima-Ikone Greta Thunberg zeigen, wie stark pro-palästinensische Auffassungen lobbyiert und unterstützt werden. In vielen Ländern kam es zu großen Protestveranstaltungen. Sie richteten sich nur zu geringen Anteilen gegen die Hamas und mehrheitlich gegen Israel. Dabei wird von einem bevorstehenden „Genozid“ an den Palästinensern gesprochen, „Kindermörder Israel“ als Parole ausgegeben und gegenüber dem israelischen Staat dessen Vernichtung beschworen.

Europas Juden leben wieder in Angst

In Frankreich leben rund sechs Millionen Muslime und – oft als Nachbarn – mit rund 500.000 Menschen die größte jüdische Gemeinde Europas. Es war zu erwarten, dass die schockierenden Bilder des Krieges zwischen Israel und der Hamas die konfessionellen Spannungen verschärfen würden. Doch es wurde schlimmer: Es kam zu einer Welle antisemitischer Vandalenakte, zu Schmierereien auch auf Moscheen. Am 5. November 2023 schlug eine Presseerklärung der EU-Kommission besorgte Töne an: „Die Steigerung an antisemitischen Vorfällen quer durch Europa hat außerordentliche Ausmaße angenommen in den letzten Tagen, erinnernd an die dunkelsten Zeiten der Geschichte. Europas Juden leben wieder in Angst. Wir beobachten das Wiederaufleben an antisemitischen Vorfällen und antisemitischer Rhetorik innerhalb der Europäischen Union und weltweit: Molotowcocktails werden auf eine Synagoge in Deutschland geworfen, Judensterne auf öffentliche Gebäude in Frankreich gesprüht, ein jüdischer Friedhof wird verwüstet in Österreich, jüdische Läden und Synagogen werden attackiert in Spanien, während Demonstrierende mit Hassparolen gegen Jüdinnen und Juden skandieren.“

Es verbreiten sich sowohl online als auch offline zahlreiche antisemitische und antiisraelische Fake News sowie Desinformationen. Beispielsweise die propagandistische Falschmeldung, Israel töte gezielt palästinensische Kinder, der terroristische Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel sei inszeniert worden oder Israel begehe einen Genozid in Gaza.

Ein weiteres Problem: Eine Bilanz der Corona-Pandemie zeigt, dass die Bedrohungslage durch antisemitische Verschwörungstheorien größer geworden ist. Der Krieg in Gaza ist zu einem Brandbeschleuniger für die islamistische Szene geworden. Umso fataler wirkt die Willkommenskultur nach, die in Deutschland 2015/16 zur Diktion oder Staatsräson unter der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde.

„Der Jude“ als allmächtiger, unsichtbarer Marionettenspieler

Was macht den Antisemitismus aus? „Der Jude“ als allmächtiger, unsichtbarer Marionettenspieler: Nach diesem klassischen Antisemitismus lenkt „der Jude“ im Hintergrund als Strippenzieher die Weltpolitik. Diese Darstellung reproduziert das Topos eines „Weltjudentums“, wonach ein fiktives Kollektiv die Weltherrschaft anstrebe oder besitze. Verwandte Ausdrücke sind „jüdische Weltverschwörung“, „jüdische Internationale“, „internationales (Finanz-)Judentum“, „Weltzionismus“.

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Eine besondere Rolle nehmen antisemitische Tendenzen unter muslimisch geprägten und meist noch recht jungen Menschen in der gegenwärtigen Debatte ein. Hier geht es vor allem um bestimmte vorurteilsbehaftete Deutungsmuster des Nahostkonflikts und der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern, die unter den Begriffen „Israel-bezogener Antisemitismus“ oder eben auch „neuer Antisemitismus“ diskutiert werden. Der Islamismus beruft sich dabei auf anti-jüdische Passagen und Episoden in Koran und Sunna sowie auf weitere muslimische oder arabische Stereotype und Vorurteile gegen Juden. Er gewinnt seine Bedeutung aus der Einbettung in den politischen Islam als durch und durch moderne politische Ideologie.

Der sunnitische Islamismus kennt das Bild von Volksgemeinschaft und Antijudaismus zur Markierung und Grenzziehung der eigenen zu fremden Gruppen. Im 19. Jahrhundert befassten sich islamische Gelehrte mit der Bedeutung der Juden für den Islam. Insbesondere die Schriften des Ägypters Said Qutb (1906 bis 1966) transportierten das Verständnis, Juden und Christen wollten die islamische Welt zerstören. Qutb berief sich dabei auf den Koran: „Diejenigen, die Gott verflucht hat und denen er zürnt und aus deren Reihen er einige zu Affen und Schweinen gemacht hat“ (Sure 5:60, Sure 7:166). „Sie [die Juden, Anm.] führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen. Allah schlag sie tot! Wie sind sie verstandeslos!“ (Sure 9:30). Solche Koranstellen werden insbesondere von radikalen Islamisten, aber beispielsweise auch von Anhängern der Grauen Wölfe zitiert und instrumentalisiert.

Melange aus Islamismus und Linksextremismus

Im Linksextremismus gibt es traditionell Strömungen mit antisemitischen Tendenzen, die sich sowohl aus dem Nahost-Konflikt, als auch aus der Kapitalismuskritik speisen. Zuweilen erscheint es als nicht schlüssig, dass ausgerechnet politisch links orientierte Aktivisten einen Groll gegen das Judentum hegen. Personen, die sich als „Antifaschisten“ bezeichnen, werden in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mit Antisemitismus in Verbindung gebracht. Die Wurzeln des linken Antisemitismus sind jedoch älter.

Über die virtuelle Dimension hat der Antisemitismus eine neue Relevanz erfahren. Im Netz kursieren zahlreiche Kürzel, Andeutungen und Codierungen – mitunter in klarer Bezugnahme auf die nationalsozialistische Darstellung vom „reichen, geldgierigen Juden mit großen Pranken“. „USreal“ meint, die „wahren Herrscher“ der USA seien Juden.

Eines der wichtigsten antisemitischen Memes ist das „Happy Merchant“, das seit den 2010er Jahren im Internet in unterschiedlichsten Kontexten geteilt wird. Es beinhaltet eine ursprünglich auf einer rechtsextremen Website gepostete antisemitische Karikatur eines gebeugten Juden mit Kippa und großer Nase, der sich bösartig lächelnd die Hände reibt. Seither wird es in rechtsextremen und auch islamistischen Kontexten verbreitet. Hier findet eine Gamifizierung des Antisemitismus statt. Ein Beispiel ist ein Spiel, welches den Gaza-Krieg 2014 abbildet. In diesem wird die Perspektive eines Vaters eingenommen, der mit seiner Tochter auf der Flucht ist. Die Hintergrund-Stimme sieht Israel als Verursacher des Krieges und ergreift einseitig Partei.

Gerade auf den sozialen Plattformen nimmt der Antisemitismus überhand. So ist auch in Fachkreisen von einer Tiktoktisierung des Terrors die Rede. Umso dringlicher ist es, dass die Bekämpfung des Antisemitismus mit einer Entlarvung von Vorurteilen bereits bei der Jugend ansetzt. Hier braucht es insbesondere „Onlinekompetenz“, da eine neue Subkultur entstanden ist. Für Deutschland müsste endlich die Verbindung zwischen Linksextremisten und Islamisten näher durchleuchtet werden, gerade mit Blick auf die Netzwerke von Hamas und der Muslimbruderschaft. Auf diesem Auge war und ist man blind.


Der Autor ist Forschungsdirektor am Europäischen Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention in Wien sowie Lehrbeauftragter an der Katholischen Universität Eichstätt und an der Universität Passau.

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